Die Führung der Verkehrsgewerkschaft Transnet ist vier Tage vor ihrem Gewerkschaftstag völlig neben der Spur. Der als Nachfolger von Norbert Hansen angetretene Lothar Krauß hat nicht mehr das Vertrauen jener Delegierten, die ihn eigentlich am Montag in Berlin mit einem machtvollen Ergebnis im Amt bestätigen sollten. Am Mittwoch wurde in Krisensitzungen hektisch versucht, ein Vorstandsteam aufzustellen, das von der Basis akzeptiert würde. Die Spitzenkandidatur lief auf den amtierenden Stellvertreter Krauß", Alexander Kirchner, hinaus.
Hansen, der die Bahn-Privatisierung stets befürwortet hatte, war im Mai überraschend als Personalvorstand zur Deutschen Bahn gewechselt, was ihm und seiner Gewerkschaft heftige Kritik von links eingebracht hatte. Die Gegner der Privatisierung taten alles, um ihn dem Verdacht auszusetzen, auf Kosten der Gewerkschaft an seiner Karriere gebastelt zu haben.
Krauß rückte nach. Und es galt zunächst als ausgemacht, dass er beim Gewerkschaftstag im Amt bestätigt werden würde.
Doch schon einen Monat später beging er einen schweren Fehler, was ihm wahrscheinlich selbst erst Monate später bewusst wurde. In den Fußstapfen Hansens war er auch zum stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden der Bahn AG und Mitglied des sehr kleinen Personalausschusses des Aufsichtsrats geworden.
Dieser entschied im Juni, den Vorstandsmitgliedern der Bahn AG - also auch Norbert Hansen - sechsstellige Sondertantiemen für den Fall zu zahlen, dass die Bahn erfolgreich an die Börse gebracht würde. Krauß entschied mit.
Zweites Opfer des Bundeszahlungen
Im Juni gab es zwar eine Immobilienkrise in den USA. Bis die Entscheidung des Aufsichtsrats aber bekannt wurde, war sie zu einer weltweiten Finanz- und Konjunkturkrise geworden, und Bonuszahlungen an Vorstände waren und sind seither des Teufels. Es entwickelte sich eine Skandalgeschichte. So distanzierte sich erst einmal Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee von der Aufsichtsratsentscheidung und feuerte Staatssekretär Matthias von Randow, weil der ihm nichts davon gesagt hatte - wie Krauß in der Annahme, es handele sich um eine alltägliche Entscheidung.
Den zweiten Fehler machte Krauß, als er im Oktober im Zuge der Affäre um Tiefensee und von Randow eine Presseerklärung herausgeben ließ, in der die Transnet «Transparenz» in solchen Angelegenheiten forderte. Spätestens ab hier folgte die Basis dem neuen Vorsitzenden, der vorher in aller Stille Stellvertreter gewesen war, nicht mehr. Es gab immer mehr Widerstand in den Vorbesprechungen der Delegierten, bis Anfang der Woche die Unterstützung für Krauß völlig kippte.
Zehn Prozent mehr gefordert
Zum Treppenwitz wurde die Geschichte am Mittwoch, als die Transnet ausgerechnet eine Einladung des Bahn-Personalvorstands Norbert Hansen platzen ließ, in der dieser die drei Gewerkschaftschefs über die inzwischen ebenfalls nicht mehr rosige Lage der DB informieren wollte, um sie von allzu hohen Tarifforderungen abzuhalten.
Transnet und die Kollegen von der GDBA hatten in der Woche davor zehn Prozent mehr ab 31. Januar 2009 gefordert. «Deutlich verschlechterte wettbewerbliche Rahmenbedingungen» machte Hansen nun aus, obwohl sein Vorstandschef Hartmut Mehdorn noch am 6. November erklärt hatte, die Bahn werde, weil sie ein «stabiles Geschäftsmodell» habe, die Krise vielleicht nicht ohne Kratzer, aber ohne nennenswerte Blessuren überstehen.
Statt nach dem Missverhältnis dieser beiden Aussagen fragen zu können, musste der Transnet-Hauptvorstand am Mittwoch stundenlang tagen, um seinen Delegierten ab Sonntag mehr als einen Scherbenhaufen präsentieren zu können.
