Ein Teich, dessen Wasserspiegel urplötzlich deutlich sinkt, tausende Kröten auf den Straßen, nervöses Verhalten von Zootieren: Nach dem verheerenden Erdbeben in China mit möglicherweise zehntausenden Toten fragen zahlreiche Menschen in Internetforen, warum die Behörden auf diese Zeichen der Natur nicht reagiert haben. Wenn die Seismologen professionell genug gehandelt hätten, dann hätten sie das Beben in der Provinz Sichuan vom Montag zehn Tage vorhersagen können, schreibt ein Kommentator.
Die Experten weisen solche Kritik zurück: Es sei nahezu unmöglich zu sagen, wann und wo es zu einem Erdbeben komme. In mehreren Ländern habe man bereits versucht, Veränderungen in der Natur als Hinweise auf eine drohende Katastrophe zu deuten. Bislang gebe es aber keine verlässliche Methode, Tiere als Warnsysteme vor Erdbeben einzusetzen, sagt der britische Seismologe Roger Musson.
Die Diskussionen und Gerüchte im Internet bleiben von solchen Aussagen unbeeindruckt. Selbst die Zeitung «China Daily» stellte die Frage, warum die Regierung nicht vor der Erdbebenkatastrophe gewarnt habe.
Erste Anzeichen schon vor drei Wochen
Das erste Anzeichen gab es Medienberichten zufolge bereits vor rund drei Wochen: Aus einem Teich in Enshi in der Provinz Hubei verschwand plötzlich eine große Menge Wasser. Die Stadt liegt rund 560 Kilometer vom Epizentrum des Bebens entfernt. Drei Tage vor dem Erdstoß tauchten in den Straßen von Mianzhu mehrere tausend Kröten auf - mindestens 2.000 Menschen kostete das Erdbeben dort das Leben. Die Einwohner sorgten sich, die Kröten könnten auf eine drohende Naturkatastrophe hindeuten, doch das Amt für Forstwirtschaft habe das Ereignisse als völlig normal bezeichnet, schrieb die Zeitung «Huaxi Metropolitan» am 10. Mai, zwei Tage vor dem Beben.
Am Montag, als sich das Erdbeben der Stärke 7,9 ereignete, wurde der Zeitung «Wuhan Evening Paper» zufolge bei Zootieren ein ungewöhnliches Verhalten beobachtet: Zebras schlugen ihre Köpfe gegen die Tür ihres Geheges, Elefanten schwenkten wild den Rüssel. Die rund 20 Löwen und Tiger, die sonst üblicherweise einen Mittagsschlaf halten, trotteten unruhig umher. Und wenige Minuten vor dem Erdstoß hätten Dutzende Pfaue zu kreischen begonnen, berichtete das Blatt weiter.
Tiere fühlen kaum spürbare Erschütterungen
Mitarbeiter des Tiergartens erklärten, das Verhalten der Tiere deute möglicherweise auf ein Erdbeben hin. Wuhan liegt etwa 1.000 Kilometer vom Epizentrum des Bebens entfernt.
Es gebe mehrere Gründe für die Beobachtungen im Zoo, sagt der Seismologe Musson. Der wahrscheinlichste: Die Bewegung unterirdischen Gesteins vor dem Beben hat elektrische Signale zur Folge, die einige Tiere spüren können. Eine andere Theorie: Manche Tiere können schwache, für Menschen nicht erkennbare Erschütterungen vor einem Erdstoß fühlen.
Zhang Xiadong vom Chinesischen Seismologischen Büro erklärt, in den vergangenen 20 Jahren seien mehrfach Veränderungen in der Natur als mögliche Hinweise auf Erdbeben genau beobachtet worden. Die Zusammenhänge seien jedoch «ziemlich vage».
Experten wurde eigene Vorhersage zum Verhängnis
Im Winter 1975 ordneten die Behörden nach Berichten über ungewöhnliches Verhalten von Tieren die Evakuierung der Stadt Haicheng in der nordöstlichen Provinz Liaoning an - einen Tag später kam es zu einem Erdbeben der Stärke 7,3. Trotz dieser Vorsichtsmaßnahme kamen mehr als 2.000 Menschen ums Leben.
Ein Jahr später wurden vor einem Beben der Stärke 7,6 in Tangshan im Nordwesten des Landes keine Warnungen veröffentlicht, die Folge: 240.000 Todesopfer. In der Region seien zuvor ebenfalls ungewöhnliche Naturphänomene beobachtet worden, sagt der Experte Musson, darunter Veränderungen beim Pegelstand von Brunnen. Ein Team von Seismologen, das in der Region arbeitete, kam aber zu dem Schluss, dass es keine Hinweise auf ein drohendes Erdbeben gebe. In der Stadt Tangshan, wo die Gruppe über Nacht einkehrte, wurden die Experten dann bei dem Beben verschüttet und getötet.
