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15. Oktober 2008
«Rockband ohne Gitarren»


Frankfurt - Als «Rockband ohne Gitarren» schossen Keane vor vier Jahren mit «Hopes And Fears» aus dem Nichts in den Rockhimmel, und auch der düstere Nachfolger «Under The Iron Sea» wurde zu einem Millionenerfolg. Sänger Tom Chaplin, Keyboarder und Hauptschreiber Tim Rice-Oxley und Schlagzeuger Richard Hughes lassen nun mit «A Perfect Symmetry» (Island/Universal) den dritten Longplayer folgen und kommen dabei noch entschiedener als die Band-Verwandten Coldplay und Travis aus der Melancholie-Ecke. Und das liegt, sagt Chaplin im AP-Gespräch, nicht zuletzt an der Bundeshauptstadt Berlin.

«Ich sage das jetzt nicht, weil ich jetzt mit einem deutschen Journalisten spreche: Aber ich denke, das Herz und die Seele dieses Albums wurden in Berlin gemacht», sagt der 29-jährige Sänger. «Es gibt eine Verbindung zwischen dem Berliner Temperament und dem Album. Berlin ist solch eine blühende und moderne Stadt, bunt und kühn und künstlerisch und flamboyant. Damit haben wir uns bewusst oder unbewusst verbunden, und das hat seinen Weg auf das Album gefunden. Es ist ganz sicher voller Extravaganz, Farbe und Spaß, allein vom Klang her.»

Zum erweiterten Instrumentenkatalog - Keane lassen sich diesmal auch von Gitarren begleiten, und ein Bassist wird das Trio demnächst auch live ergänzen - kam eine Lust zum Experimentieren und Improvisieren, eine bewusste Absage an Perfektionismus. «Wir hatten letztes Jahr viel Spaß auf Tournee. Ob in der Show ein Fehler passierte oder ob wir danach im falschen Auto saßen oder sonst irgendwas schief lief: Das war nicht das Ende der Welt. Wir gerieten nicht in völlige Panik, wie es uns früher passiert ist. Da war eine gewisse Unbekümmertheit, und ich denke, auch die hat sich in dem Album niedergeschlagen.»

«Wir haben keinen Druck gespürt und gemerkt, dass wir die Platte machen konnten, die wir machen wollten. Wir wollten uns nicht in den Grenzen von Coolness und dem guten Geschmack fangen lassen. Vergiss das einfach, das ist nicht wichtig. Wichtig ist, spontan und instinktiv etwas zu machen, was einen anmacht. Da kann es sein, dass man ein paar bizarre Dinge im Studio macht, wie ich es getan habe. Und selbst wenn es nicht zu funktionieren scheint, ist es doch die Sache wert: Denn daraus entsteht oft das Beste.»

«Größeres Gefühl für Drama»

Eine singende Säge, durch das Schlagzeug aufgenommen Gesangsspuren: Keane haben in den Berliner Teldex Studios, in Paris mit Produzent Jon Brion und zu Hause in England an Klängen getüftelt, die nicht nach virtueller Schablone klingen. Chaplin hörte viel Musik von David Bowie, der in Berlin ja sein legendäres Album «Low» aufnahm, und den Talking Heads. «Ich hoffe, die Leute hören dieses größere Gefühl für Drama, erfassen durch das Singen besser die Geschichte. Die Lieder sind alle sehr direkt, und ich wollte es metaphorischer haben, als es wohl auf den ersten beiden Alben war.»

Der Titelsong mag vielleicht ein bisschen sehr nach Blumenkindern mit der Zeile klingen: «This life is lived in perfect symmetry, what I do that will be done to me.» Das habe etwas von Karma, erklärt Chaplin: «Wenn man Schlechtes macht, muss man damit rechnen, das zurück zu bekommen. Und umgekehrt, wenn man versucht, eine gute, verständnisvolle und liebende Person zu sein, wird man das hoffentlich zurückbekommen. Natürlich ist die Welt unvollkommen, das passiert nicht immer. Wir leben in einer gefährlichen Zeit: Krieg und Terror, Klimawandel - sieht so aus, als ob wir es irgendwie auf unser Glück ankommen lassen. Zugleich sind wir (Menschen) zu solcher Größe und großen Leistungen fähig. Ich denke, das Album sagt: Die Welt mag schwierig sein, momentan auch ein deprimierend hässlicher Ort in mancher Hinsicht, aber wir glauben wirklich an die Menschheit und daran, dass die Menschheit Probleme lösen kann.»

«Ruhm kann richtig runterziehen»

Die elf Songs haben es in lyrischer Hinsicht in sich, Rice-Oxleys Texte versuchen auch in scheinbar ausweglosen Situationen oder Gemütsverfassungen - etwa «The Lovers Are Losing» - Mut zu machen. Vor allem «Better Than This» hat es Chaplin angetan: All den jungen Leuten, die auf den schnellen Ruhm in Shows wie «Big Brother» oder «Pop Idol» fixiert sind, rufen Keane zu: Hey, ihr seid besser als das. Gebt euch nicht damit zufrieden. Verlangt mehr. «Das Lied ist eine Botschaft an alle, die glauben, dass Ruhm eine Lösung für ihr Leben ist. Stimmt nicht! Wir haben als Band erlebt, dass Ruhm richtig runterziehen kann. Er ist ziemlich unattraktiv, wirklich.» Das ist ein anderer, vielleicht weiterführender Ansatz als die zynische Abrechnung von Queen und Paul Rodgers in ihrem Song «C-Lebrity».

Mit dem dritten Album sind Keane eindeutig wieder obenauf. Und sie wollen das auch live beweisen, Ende Oktober beginnt die Europatournee. «Nun, Tourneen sind heutzutage sehr wichtig, weil die Bands da ihr Geld verdienen. Es ist wegen all der illegalen Downloads wichtig, unterwegs zu sein und große Shows abzuliefern. Aber wir haben diese Seite sowieso immer geliebt. Die Verbindung zum Publikum war immer sehr gut, die Leute singen mit, und ich denke, sie verstehen und verbinden sich mit unserer Musik, der Leidenschaft darin.»

Tourdaten: 05.11. Köln (Palladium), 06.11. Berlin (Tempodrom), 07.11. München (Zenith).








 
 



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