Vibrierende, pulsierende Beats wechseln sich mit sphärischen Klängen und ergreifendem Gesang ab: In gewohnter Manier hat Michael Cretu alias Enigma sein siebtes Album «Seven Lives Many Faces» abgeliefert. Der offizielle ARD-Olympiasong «Seven Lives» erschien bereits im Sommer als Vorbote auf das neue Album. Schnelle Dance-Beats, Pizzicato-Hooks und der Gesang von Gastsänger Andru Donalds verschafften sich Gehör nicht nur bei der treuen Fangemeinde.
Mit «Seven Lives Many Faces» feiert das Projekt, hinter dem sich der 51-jährige Rumäne Cretu verbirgt, auch seine Volljährigkeit. Vor 18 Jahren rief der Musiker und Produzent Enigma ins Leben. «Es ist schon verrückt, aber ich habe mit der Platte nach so vielen Jahren mein Crossover erweitert», erzählt Cretu im AP-Interview. «Gerade Kinder finden meine neue Platte tierisch gut.» Heute zählt Cretu mit 40 Millionen verkaufter Tonträger, 50 Nummer-Eins-Platzierungen und rund 100 Platin-Auszeichnungen zu den erfolgreichsten deutschen Musikern und Produzenten.
Auf «Seven Lives Many Faces» bleibt Cretu seinem grenzenlosen, kreativen Schaffen treu und erweitert sein Sound-Spektrum um minimale Rock-Elemente. Der auf Ibiza lebende Musiker greift dabei auf rund 400.000 archivierte Klänge zurück. «Was ich mir von dort aussuche, wie ich es kombiniere, ist selbst für Menschen, die viel mit Musik zu tun haben, oft nur schwer nachvollziehbar», beschreibt er sein umfangreiches Sound-Archiv.
Der Titel des siebten Enigma-Albums ist für Cretu wie eine Geburt, ein neues Leben. «"Seven Lives" steht für mein siebtes Kind, die siebte Reinkarnation. "Many Faces" spiegelt die verschiedenen musikalischen Schattierungen des Albums wider.» Außerdem vereint der Tausendsassa sieben Berufe: Texter, Sänger, Arrangeur, Komponist, Produzent, Tontechniker, Dirigent.
Erstmals durften Cretus 13-jährige Zwillingssöhne auf einem Enigma-Album mitwirken. Sie lieferten die Idee und die Sprech- und Singstimme für den antirassistischen Song «The Same Parents». «Früher konnten meine Jungs mit Engima nicht viel anfangen. Doch das neue Album finden sie richtig gut.» Die Idee für den Track entstand vor zwei Jahren. Verstört von brutalen Nachrichten-Bildern eines Selbstmord-Attentäters fragte Nikita seinen Vater: «Warum kämpfen Religionen und Hautfarben gegeneinander? Eigentlich stammen doch alle vom selben Urmenschen ab? Sind nicht alle Menschen irgendwie Brüder und Schwestern?» «Ich war sehr bewegt, dass ein Elfjähriger sich solche philosophischen Gedanken macht. Deshalb habe ich mir Notizen gemacht und den Text kindlich geschrieben.» Enigma sei eigentlich für seine Kinder tabu gewesen, doch Cretu wollte, dass «The Same Parents» von Kindern gesungen wurde. «Und da sie es gut gemacht haben, musste ich keine fremden Kinder ins Studio holen.»
Als weitere Gastsänger wirkten Cretus langjähriger Freund, der Jamaikaner Andru Donalds (»Seven Lives», «Distorted Love») und die 60-jährige Ibizenkerin Margarita Roig (»Between Generations», «La Puerta Del Cielo») mit.
Dr. Jekyll und Mr. Hyde
Cretu beschreibt sich selbst als Eigenbrödler. 1990 rief er das anonyme Musikprojekt Enigma ins Leben. Auf dem Debütalbum «MCMXC a.D.» versteckte er sich anfangs hinter dem Pseudonym «Curly MC». Erst als das Album und die Single «Sadness» ein Welterfolg wurden, drängte ihn die Plattenfirma, das Geheimnis zu lüften.
Das Allround-Talent arbeitet am liebsten im Dunklen, in der Nacht, in völliger Abgeschiedenheit. «Ich bin am besten, wenn ich alleine bin. Ich bin ein Querdenker, ein einsamer Wolf. Ich bin wie Daniel Düsentrieb, der lichte Räume dunkel machen will», erklärt Cretu. «Dadurch bin ich unabhängig. Ich habe großes Glück, alleine Platten zu machen. Ich bin auf niemanden angewiesen. Deshalb kann ich auch auf Ibiza leben. Bräuchte ich Studiomusiker für meine Aufnahmen, müsste ich viel mehr reisen.»
Dabei trennt Cretu Beruf und Privatleben. «Ich bin wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Sobald ich aus dem Studio raus gehe, bin ich ein ganz normaler, geselliger Mensch», sagt Cretu. Er schaue lieber mit Freunden Fußball anstatt auf Galas und Glamour-Partys zu gehen. «Ich habe kein Image. Ich muss mir also in der Öffentlichkeit keine Sorgen machen, wie die Leute mich finden oder sehen», erklärt der bekennende Bayern-München-Fan.
Faible für Religion und Mystik
Enigma hat stets einen Hang zum Mittelalterlichen. «Schon als kleines Kind stellte ich mir Fragen über Gott und das Weltall. Mich fasziniert alles, was noch nicht klar ist», sagt der Musiker. «Ich bin ein religiöser Mensch, aber nicht im traditionellen Sinne. Ich glaube, dass nichts aus nichts entstehen kann. Es muss eine übergeordnete Kraft existieren.» Aus seinem Faible für elektronische Musik, Religion und Mystik schuf Cretu mit Enigma eine Symbiose aus Klassik und Moderne, aus gregorianischen Gesängen und Ambient-Club-Beats.
Schon früh wurde bei dem gebürtigen Rumänen eine musikalische Begabung entdeckt. Cretu studierte Musik, erst in Bukarest, dann in Paris und Frankfurt. Später tauschte der ausgebildete Konzertpianist sein Klavier gegen Synthesizer ein. Bereits mit 20 Jahren arbeitete Cretu erfolgreich als Produzent für Peter Cornelius. Er gründete die Band Moti Special und nahm unter anderem Alben mit Juliane Werding, Hubert Kah, Peter Schilling und mit seiner Frau Sandra auf. Ihr Hit «Maria Magdalena» verkaufte sich über fünf Millionen Mal. 1988 heirateten Sandra und Cretu, bekamen Zwillinge und zogen nach Ibiza. «Es war eigentlich Zufall, dass wir nach Ibiza zogen. Meine Frau Sandra hat in Deutschland immer gefroren», erklärte Cretu, der seit 2007 von seiner Frau getrennt lebt. «Auf Ibiza habe ich mir anfangs ein kleines Studio gebaut, denn ohne Musik kann ich nicht leben.»
