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15. August 2008

Leiter des Krebsinstituts der Universität Pittsburgh: «Russisches Roulette mit dem Gehirn»



Pittsburgh - Die Warnung war unmissverständlich und galt für alle Mitarbeiter: Sämtliche 3.000 Kollegen und Angestellten, so mahnte Ronald Herberman schriftlich, sollten den Gebrauch von Handys künftig auf das Notwendigste begrenzen - um sich vor Hirntumoren zu schützen. Herberman sollte eigentlich wissen, wovon er spricht. Er leitet das Krebsinstitut der Universität Pittsburgh. Das verleiht seiner Meinung besonderes Gewicht.

Obwohl Dutzende Studien keinen Zusammenhang zwischen Mobiltelefonen und erhöhter Tumorgefahr belegen und auch die US-Behörde FDA keinen Anlass zur Sorge sieht, beharrt der Experte auf seiner Forderung - und beruft sich auf unveröffentlichte vorläufige Studienresultate. «Wir sollten nicht so lange warten, bis die Wissenschaft endgültige Befunde vorlegt», sagt der Mediziner. Man sei besser jetzt übertrieben vorsichtig, als später etwaigen Leichtsinn bereuen zu müssen.

Gerade Kinder, deren Gehirn sich noch entwickle, sollten Mobiltelefone nur im Notfall verwenden, betont Herberman in seiner Anweisung an die Mitarbeiter. Erwachsene sollten nach Möglichkeit Kopfhörer nutzen und auf Telefonate an öffentlichen Orten wie etwa in Bussen ganz verzichten, auch um Mitreisende vor der elektromagnetischen Strahlung der Geräte zu schützen.

Die bisherige Studienlage stützt diese drastische Forderung nicht: Erst kürzlich werteten Forscher der Universität von Utah neun Untersuchungen mit Tausenden Hirntumor-Patienten aus und fanden keinen Zusammenhang zwischen der Erkrankung und früherem Handygebrauch. Und im vergangenen Jahr gelangten Studien aus Frankreich und Norwegen zu dem gleichen Resultat.

Die bislang größte Untersuchung an 420.000 dänischen Handynutzern, die teilweise seit über zehn Jahren mobil telefonierten, lieferte ebenfalls keinen Hinweis auf Gefahren - auch nicht bei Langzeitgebrauch. «Falls von diesen Produkten ein Risiko ausgeht, und derzeit haben wir darauf keinen Hinweis, dann ist es wahrscheinlich sehr gering», schlussfolgert die US-Behörde FDA auf ihrer Internetseite.

Verweis auf Hinweise in der Fachliteratur

Herberman lässt sich davon nicht beirren: In der Literatur gebe es zunehmend Hinweise dafür, dass der Langzeitgebrauch von Handys möglicherweise mit nachteiligen gesundheitlichen Folgen einhergehen könne, darunter Krebs. «Obwohl die Hinweise umstritten sind, bin ich davon überzeugt, dass die Daten Vorsichtsmaßnahmen zum Handygebrauch rechtfertigen», sagt Herberman.

Seine Universitätskollegin Devra Lee Davis pflichtet bei: «Die Frage ist, ob man mit seinem Gehirn russisches Roulette spielen will», sagt die Direktorin des Instituts für Umweltonkologie. «Ich weiß zwar nicht, dass Handys gefährlich sind, aber ich weiß auch nicht, dass sie sicher sind.» 20 andere Institute haben Davis zufolge die Warnung der Pittsburgher Mediziner schon beherzigt. Zudem verweist die Krebsforscherin darauf, dass auch Behörden in Frankreich, Großbritannien und Indien dazu raten, Kindern von den Geräten fernzuhalten.

Davis und Herberman stützen ihre Sorge vor allem auf die sogenannte Interphone-Studie. Diese untersuchte 5.000 Patienten mit Hirntumoren, die erst nach der Diagnose Angaben zu ihrem früheren Handygebrauch machten. Solche sogenannten retrospektiven Studien gelten in der Fachwelt als wenig zuverlässig, weil die Teilnehmer dazu neigen können, bestimmte Zusammenhänge erst im Nachhinein zu interpretieren.

Dennoch sind auch die bisher publizierten Ergebnisse des internationalen Projektes nicht beunruhigend. Für drei Tumore des Zentralen Nervensystems schlossen französische Forscher ein erhöhtes Risiko aus, lediglich bei einer Art von Hirntumor ließen sie die Möglichkeit offen, dass ein extremer Handygebrauch die Gefährdung erhöhen könnte. Herberman verweist aber zusätzlich auf bislang unveröffentlichte Daten.

Bundesamt für Strahlenschutz zurückhaltend

Dass sein Aufruf bei vielen Nutzern Verunsicherung hinterlässt, ärgert die Mobilfunkindustrie, die etliche Untersuchungen mitfinanziert hat: «Wenn man sich die überwältigende Mehrheit der Studien anschaut, die von Experten geprüft und in wissenschaftlichen Zeitschriften weltweit veröffentlicht wurden, findet man keinen Zusammenhang zwischen drahtlosen Geräten und Gesundheitsschäden», sagt Joe Farren, Sprecher des Branchenverbands CTIA.

Das Bundesamt für Strahlenschutz ist in seiner Bewertung zurückhaltender: Zwar betonte die Behörde im Juni, von Handys und Mobilfunkmasten gehe kein Krebsrisiko aus. Gleichzeitig heißt es aber, die Auswirkungen der elektromagnetischen Strahlung auf Kinder und die Langzeitwirkung auf Erwachsene müssten noch geprüft werden. Bis dahin empfiehlt das Bundesamt unter anderem, bei schlechtem Empfang etwa in Autos nicht zu telefonieren oder beim Kauf eines Handys auf die Strahlungswerte zu achten.






 

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