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15. Mai 2008
Moderne Bauten in China eingestürzt wie Kartenhäuser


Dujiangyan - Erst vor wenigen Jahren errichtete Wohnhäuser und Schulgebäude sind bei dem Erdbeben in China wie Kartenhäuser in sich zusammengefallen. Drei Jahrzehnte des anhaltenden Wirtschaftsbooms haben die Gebäude im ganzen Land in rasantem Tempo in die Höhe schnellen lassen. Doch offenbar waren die Sicherheitsvorschriften nicht streng genug, oder sie wurden wegen Korruption und Profitgier einfach nicht beachtet.

«Dieses Gebäude ist nur noch ein Schutthaufen», rief eine vor Wut fassungslose Einwohnerin in Dujiangyan. Sie stand vor den Trümmern ihres Zuhauses, in das sie vor zehn Jahren umgesiedelt wurde. Ihr altes Haus hatten die Behörden abreißen lassen. «Die Regierung hat uns ausgetrickst. Die haben uns gesagt, das Gebäude wäre solide gebaut», sagte Chen, die nur ihren Nachnamen angeben wollte. Ihrer Familie gelang es, noch ein paar Kleider und Andenken aus dem Trümmerhaufen zu fischen.

In den chinesischen Metropolen wie Schanghai und Peking drängen die Wolkenkratzer in den Himmel, doch auch im Hinterland mit den unzähligen Klein- und Millionenstädten sind Hochhäuser wie Champignons aus dem Boden geschossen. Abseits der großen Zentren, wie in den Kleinstädten der Katastrophenprovinz Sichuan, wurde jedoch zumeist auf Sparflamme gebaut. Der mögliche Profit ist dort geringer, die Behörden sind schwächer. Oft spielt auch die Profilierungssucht lokaler Parteigrößen eine Rolle: Sie erleichtern Bauvorhaben, um mehr Wachstum zu generieren und damit besser dazustehen.


Gegenspieler Schnelligkeit und Sicherheit

«Diese neue Wirtschaft in China wird nicht sicher aufgezogen, sondern schnell - und das passt nicht zusammen», sagte Roger Bilham, Professor für Geowissenschaften an der Universität von Colorado. «Man sieht sich diese Gebäude an und denkt sich: Die hätten nicht einstürzen dürfen. Das ist eine Geschichte, die sich weltweit schon in allen Entwicklungsländern wiederholt hat», erklärte Bilham.

Luftaufnahmen von der Stadt Yingxiu, die nahe am Epizentrum des Bebens mit der Stärke 7,9 lag, zeigten ein Bild der Verwüstung. Rund 7.700 der knapp 10.000 Einwohner sollen allein dort ums Leben gekommen sein. Auch in Beichuan sind ganze Häuserblocks scheinbar in Sekunden zu Staub zerfallen. Bei den Olympischen Bauten in Peking, zum Beispiel beim «Vogelnest», dem Nationalstadion, galten hingegen strenge Sicherheitsvorschriften.

In Dujiangyan gelang es den Rettungskräften, eine Schwangere nach 50 Stunden aus den Trümmern eines Wohnhauses zu bergen. Bei den Fernsehaufnahmen von der Rettungsaktion war nur Beton zu sehen, keine verstärkenden Stahlträger. Auch 400 kleinere Dämme bekamen durch das Beben Risse. Das Wasser in einem der größten Stauseen wurde vorsichtshalber abgelassen, da der Zipingpu-Damm in der Betonhülle Risse von bis zu zehn Zentimetern aufwies.

Seit dem vernichtenden Erdbeben von Tangshang, bei dem 1976 240.000 Menschen umkamen und auch die Regierung ins Wanken geriet, hatte Peking begonnen, die Gefahr ernst zu nehmen. «Die in den letzten zwanzig Jahren erlassenen Vorschriften waren gute, belastbare Erdbebenvorschriften», sagt die Leiterin des in Kalifornien ansässigen Forschungsinstituts für Erdbeben-Ingenieurswesen, Susan Tubbesing.

Doch die Bauvorschriften, selbst dort wo sie eingehalten wurden, waren wohl immer noch zu lax. Sie sahen den Widerstand gegen ein Erdbeben der Stärke 7 vor. Das Beben vom Montag war jedoch wesentlich stärker, es erreichte den Wert 7,9.


Kontrolle der Bauvorschriften wäre zu kostspielig

Doch die schnell sprießenden Häuser entsprachen wohl längst nicht alle der Norm: «Die Kosten, zu versuchen, die Vorschriften im ganzen Land zu kontrollieren, wären viel zu hoch», erklärte Andrew Smeal, ein Chinaexperte vom Zentrum für die Asiatische Gesellschaft in New York. Ein Professor für Bauingenieurswesen der Universität Schanghai wollte am Mittwoch zu dem Thema lieber nichts sagen. Es sei politisch zu heikel, erklärte er. Millionen Menschen wurden und werden in China vom Staat zu Umsiedlungen gezwungen, die Regierung garantiert dabei letztlich für die Neubauten.

Gerade auch Schulgebäude sind am Montag binnen Sekunden eingestürzt. In Juyuan wurden fast 900 Gymnasiasten unter den Trümmern ihrer Schule begraben, nahegelegene Wohngebäude blieben aber weitgehend unversehrt. Die Frage nach der Verantwortung für die offenbar unzulänglich errichteten Gebäude wird inzwischen sogar in staatlichen Medien laut: «Wir können es uns nicht leisten, unangenehme Fragen zur strukturellen Qualität der Schulgebäude nicht zu stellen», hieß es da.

Fotos der Schulgebäude ließen einmal mehr auf billige und steife Betonstrukturen schließen. Der rettende, weil abfedernde, Stahlrahmen fehlte. Dai Jun, ein Bauingenieur und Betonspezialist aus der Regionalmetropole Chengdu, sagte: «Die Gebäude waren nicht für so ein starkes Erdbeben gebaut. Manche erfüllten aber nicht mal die grundlegenden Anforderungen.»






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