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14. Dezember 2007

Armut macht krank



Göttingen - Rund 2,5 Millionen Kinder leben in Deutschland auf Sozialhilfeniveau. Die Armut belastet nicht nur ihre psychische und körperliche Gesundheit. Sie stellt auch die Weichen für das spätere Leben: Kinder aus armen Verhältnissen werden Studien zufolge als Erwachsene öfter krank und sterben früher.

Es ist ein Ritual ohne Folgen: Jedes Jahr dokumentieren Verbände, dass immer mehr Kinder in Armut versinken. Der Anteil armer Kinder und Jugendlichen, so der jüngste Report des Kinderhilfswerks, habe sich bundesweit binnen 40 Jahren mehr als verzehnfacht, und ihre Zahl sich seit Einführung der Hartz-IV-Reformen verdoppelt. Der Darmstädter Sozialrichter Jürgen Borchert spricht von einem Desaster. Solche Notrufe werden von der Politik routinemäßig zur Kenntnis genommen - und verhallen.

Erst kürzlich zeigte eine große Studie des Robert-Koch-Instituts, wie sich Armut auf die Gesundheit Minderjähriger auswirkt. Demnach sind Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Haushalten nur halb so oft bei sehr guter Gesundheit wie Heranwachsende aus wohlhabenden Familien. «Armut macht krank», bilanziert Studienleiterin Bärbel-Maria Kurth. «Diese Kinder vereinen sämtliche Nachteile auf sich, die man haben kann.» Sie werden seltener gestillt, treiben weniger Sport, sind häufiger verhaltensauffällig, haben öfter Übergewicht und sind stärker Umweltbelastungen wie Verkehrsabgasen oder Lärm ausgesetzt.

Die Studie zeigt nur den sichtbaren Teil der Probleme auf, andere Veränderungen spielen sich im Verborgenen ab. «Die zugehörigen chronischen Erkrankungen sieht man nicht», betont Kurth. «Es ist wahrscheinlich, dass diese Kinder im weiteren Leben früher Diabetes oder Herzerkrankungen entwickeln.»

Langzeitstudien, die das weitere Schicksal solcher Heranwachsender beobachten, fehlen zwar bislang in Deutschland. Aber wie stark die soziale Herkunft die gesundheitliche Entwicklung langfristig prägt, zeigen Untersuchungen aus anderen Ländern. Kinder aus einkommensschwachen Familien werden demnach als Erwachsene öfter krank und sterben früher - selbst dann, wenn sie als Erwachsene zu Wohlstand gelangen. Die Grundlage für ein gesundes Leben, so scheint es, wird in der Kindheit gelegt.

Zwar sind die Probleme nicht nur die Folge des fehlenden Geldes. Auch die Bildung der Eltern spiele eine sehr wichtige Rolle, betont Kurth. Aber eine Studie des Dortmunder Forschungsinstituts für Kinderernährung rechnet vor, wie stark Geldmangel den Handlungsspielraum von Familien einengt. Der Hartz-IV-Regelsatz sieht für ein Kind bis zum Alter von 13 Jahren täglich etwa 2,50 Euro für Essen und Trinken vor - also bei drei Mahlzeiten pro Tag jeweils 83 Cent.

Der Regelsatz reicht der Studie zufolge - basierend noch auf den Preisen vor der jüngsten Teuerungsrunde - bei Einkäufen in Supermarkt und Discounter nur für den Nachwuchs bis zum Alter von vier Jahren. «Ältere Kinder kann man davon nicht gesund ernähren», sagt Institutsleiter Michael Lentze. «Das reicht hinten und vorne nicht.»

Die Folge: Da frisches Obst und Gemüse teuer sind, weichen Familien auf billige Lebensmittel aus. Damit steigt das Risiko nicht nur für Übergewicht, sondern auch für eine ganze Reihe ernährungsbedingter Krankheiten, deren Folgen sich meist erst im Erwachsenenalter zeigen. In der Studie des Robert-Koch-Instituts stieg der Anteil übergewichtiger Kinder mit sinkendem Haushaltseinkommen deutlich an.

Aber Armut stellt auch über andere Mechanismen die Weichen für spätere Gesundheitsprobleme, wie eine Studie der New Yorker Cornell Universität an mehr als 200 Kindern im Alter von 13 Jahren zeigt. Darin hatten die Teilnehmer aus ärmeren Verhältnissen nachts besonders hohe Werte des Stresshormons Kortisol. Dies wertet der Humanökologe Gary Evans als Hinweis auf eine chronische Stressbelastung.


«Lebenslange Bahn schlechter Gesundheit»


Zusätzlich stellte Evans bei diesen Kindern eine veränderte Reaktion des Kreislaufs auf akute Stressbelastungen fest. Entscheidend war dabei nicht, ob die Teilnehmer zur Zeit der Untersuchung arm waren, sondern wie viel Zeit sie unter solchen Bedingungen verbracht hatten. Je länger die 13-Jährigen Armut ausgesetzt waren, desto schlechter konnte ihr Organismus auf Umweltbelastungen reagieren, schreibt Evans im Fachblatt «Psychological Science»: «Ein frühes Leben in Armut scheint Kinder auf eine lebenslange Bahn schlechter Gesundheit zu bringen.»

Die einkommensabhängige Benachteiligung von Kindern mag ein Armutszeugnis für ein reiches Land sein. Sie ist für Evans ebenfalls ein Zeichen kurzsichtiger Politik: «Für die Gesellschaft ist es sehr teuer, wenn Kinder aus einkommensschwachen Familien am Ende frühzeitig erkranken und früher sterben als andere Menschen.»






 

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