Die medizinische Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland ist nach Einschätzung des zuständigen Ärzteverbands massiv gefährdet. Etwa 35 Prozent der aus Altersgründen freiwerdenden Kinder- und Jugendarztpraxen fänden keine Nachfolger mehr, im Osten seien es sogar bis zu 60 Prozent, erklärte der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Wolfram Hartmann, am Montag in Bad Orb.
Unter anderem sei die Versorgung ärmerer Kinder in Gefahr, sagte Hartmann, und warnte vor einer Zwei-Klassen-Medizin. Für die Missstände machte er vor allem Fehler der Gesundheitsreform, aber auch Vereinbarungen zwischen Krankenkassen und Ärzteverbänden sowie die mangelnde Verpflichtung zu Vorsorgeuntersuchungen verantwortlich.
So sähen die jüngsten Beschlüsse zur Honorierung der Vertragsärzte weiterhin unterschiedliche und somit unzureichende Vergütungen für die gleiche ärztliche Leistung in den jeweiligen Regionen Deutschlands vor. Zudem werde in den Hausarztverträgen die Erwachsenenmedizin einseitig bevorzugt.
Schon jetzt sei das Durchschnittsalter der Kinder- und Jugendmediziner mit über 45 Jahren eines der höchsten in allen Arztgruppen. Mit den drohenden Praxisschließungen sei bereits innerhalb der nächsten fünf Jahre eine flächendeckende Versorgung durch entsprechend weitergebildete Kinder- und Jugendärzte nicht mehr gesichert. Allgemeinärzte seien weder von der Ausbildung her noch wegen der vielen anderen Aufgaben in der Lage, Kinder und Jugendliche entsprechend zu behandeln.
Auffälligkeiten rechtzeitig erkennen
So könnten nur entsprechend qualifizierte Ärzte rechtzeitig Sozialisations- und Verhaltensstörungen, Auffälligkeiten in der Gewichts- oder der Sprachentwicklung, Störungen bei der Grob- und Feinmotorik, der psychischen Entwicklung, erste Zeichen eines Suchtverhaltens oder Störungen im Sozialverhalten erkennen. Auch die Behandlung von Früh- und Neugeborenen sowie Säuglingen gehöre in die Hand der Fachärzte.
«Probleme bei Kindern und Jugendlichen finden wir besonders häufig bei inkompletten Familien und zersplitterten Familienstrukturen», sagte Hartmann. Der Verbandspräsident sieht vor allem wegen der Unterfinanzierung vieler ärztlicher Leistungen im System der gesetzlichen Krankenversicherung die medizinische Versorgung von Kindern aus sozialen Randgruppen gefährdet.
Viele Ärzte seien nicht mehr bereit, sich in Wohnvierteln mit einem hohen Anteil an Arbeitslosen, Migranten und anderen Benachteiligten niederzulassen, weil sie dort notwendige zuwendungs- und zeitintensive Tätigkeiten nicht finanzieren könnten.
Verschärft werde die Lage, indem nicht-verschreibungspflichtige Arzneimittel bei Jugendlichem ab vollendetem zwölften Lebensjahr nicht erstattet werden. Ärmere Bevölkerungskreise könnten sich diese Medikamente, die auch bei bestimmten chronischen Erkrankungen erforderlich seien, nicht leisten.
Benachteiligung auch bei Vorsorgeleistungen
Auch bei den Vorsorgeleistungen würden Kinder und Jugendliche aus ärmeren Familien benachteiligt. Hätten Privatversicherte nach dem Willen des Gesetzgebers vom zweiten bis 14. Lebensjahr Anspruch auf jährliche Vorsorgeuntersuchungen, gebe es bei gesetzlich Krankenversicherten im Alter von sechs bis elf Jahren eine Lücke. «Wir fordern eine umgehende Beendigung der Zweiklassenmedizin im Bereich der Kindervorsorgeuntersuchungen», sagte Hartmann.
