Berlin - Die zwölfjährige Claudia, deren Eltern schon seit Jahren ihren Geburtstag vergessen. Der drei Jahre alte Patrick, der sich mutterseelenallein in die Straßenbahn wagt und dorthin fährt, wo es was zu essen gibt und zu spielen. Robert, der sich mit seinen neun Jahren um drei kleine Geschwister kümmern muss und in der Schule erschöpft einschläft. Kinder oft ohne Väter und mit überforderten Müttern, in Wohnungen ohne Betten, ohne Esstisch und mit leerem Kühlschrank, aber mit Fernseher im Dauerbetrieb.
Von ihnen und anderen berichtet das Buch «Deutschlands vergessene Kinder», das am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde. Pastor Bernd Siggelkow, Gründer des christlichen Kinder- und Jugendprojekts «Die Arche» schildert darin die Arbeit der Organisation. Sie entstand aus einer Suppenküche für Kinder und betreibt inzwischen vier Häuser in Berlin, Hamburg und München, wo und täglich bis zu 1.000 Jungen und Mädchen unter die Fittiche genommen werden. Sie finden warme Mahlzeiten, Zuwendung und Unterstützung, die es ihnen und ihren Eltern nicht selten ermöglicht, doch noch die Kurve zu kriegen.
«Alle Geschichten sind wahr», versichert Siggelkow. Sie seien lediglich anonymisiert, um die Personen zu schützen - wie den jugendlichen Skinhead-Schläger, der sich aus der rechten Szene gelöst habe und untergetaucht sei, weil seine alten Kameraden ihn umzubringen drohten. Die erschütternden, aber auch hoffnungsvollen Geschichten aus der jahrelangen Arbeit sollten die finanzielle und auch emotionale Armut vieler Familien deutlich machen. Siggelkow will ebenso Vorurteilen entgegentreten: «Dass die Eltern nur das Geld versaufen und verrauchen - das können nicht alle Eltern von 2,6 Millionen Kindern sein!»
So viele Mädchen und Jungen in Deutschland leben nach neuesten Zahlen des Kinderschutzbunds in Armut, eine Rekordzahl. «Eines der beschämendsten Probleme in unserem Land» nennt Familienministerin Ursula von der Leyen im Bundestag die millionenfache Kinderarmut, während der «Arche»-Gründer zur gleichen Zeit aus der praktischen Anschauung berichtet. Immer mehr Kinder kämen ohne Frühstück zur Schule, allein in Berlin lebe inzwischen jedes dritte Kind in Armut, viele Eltern meldeten sie vom Schulessen ab, weil sie es nicht mehr bezahlen könnten.
Unterstützung von Prominenten
«Ein unangenehmes Thema», räumt der Pastor ein, «wenn wir den Finger in die Wunde drücken». Das Projekt finanziert sich fast vollständig aus Spenden. Die Zuschüsse für die Berliner «Arche» wurden auf 18.000 Euro im Jahr gekürzt; für alle vier Häuser sind aber insgesamt zwei Millionen Euro erforderlich. Der Staat habe auch Geldprobleme, räumt Siggelkow ein, also müssten die Probleme eben gemeinsam gelöst werden. «Nur ein Land, das in seine Kinder investiert, hat auch eine Zukunft.»
Beistand findet das Projekt bei vielen Prominenten. Günther Jauch wirbt in einem Vorwort für das Buch um Unterstützung. Sicher seien manche Eltern für die katastrophalen Verhältnisse zuweilen mitverantwortlich, räumt er ein: «Die Kinder sind es aber ganz bestimmt nicht.» Fußballtrainer Falko Götz macht sich schon seit seiner Zeit bei Herta BSC Berlin für die «Arche» stark und hat schon manchen verwöhnten Jungfußballer mitgenommen, um ihn einmal ins wahre Leben zu schubsen: «Die konnten nicht verstehen, was in unserem Land abgeht.» Für das gleichzeitig erschienene Hörbuch lasen unter anderen Fernsehmoderatorin Marietta Slomka, der Musiker Xavier Naidoo und Schauspieler wie Martin Semmelrogge und «GZSZ»-Darsteller Wolfgang Bahro die «Arche»-Geschichten.