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13. Mai 2009
«Ein Schatz aus einer anderen Zeit»
Frankfurt - Die Manic Street Preachers gibt es nun auch schon 17 Jahre. Dabei wollte die walisische Band auf dem Höhepunkt der Grunge-Welle nur ein Album aufnehmen, das sich besser als das Guns N"Roses-Debüt «Appetite For Destruction» verkauft, damit eine Welttournee machen und nach drei gloriosen Auftritten im Wembley-Stadion wieder verschwinden.
Mit ihrem am kommenden Freitag (15.05.) erscheinenden neunten Album «Journal For Plague Lovers» (Columbia/Sony) beamen sich die um die 40-jährigen James Dean Bradfield, Sean Moore und Nicky Wire wieder in ihre Anfangszeit zurück - bemerkenswert unangestrengt mit Texten ihres 1995 verschwundenen und im vergangenen Jahr tot erklärten Gründungsmitglieds Richey Edwards.
«Er gab mir die Texte etwa drei Wochen, bevor er verschwand», erinnert sich Nicky Wire im AP-Interview. «Obwohl ich darin blätterte - ich habe sie nie gelesen, sondern mir eher die vielen Zeichnungen und Collagen angeschaut.» Er habe wohl eine mentale Blockade gehabt, sich damit zu beschäftigen. Nach dem 2007 veröffentlichten Album «Send Away The Tigers» habe Sänger und Gitarrist Bradfield vorgeschlagen, sich mit Edwards" Texten zu befassen. «Da habe ich erkannt, wie großartig sie sind. Seine Ideen, wie er mit der Sprache arbeitete - sein endloses Lesen und Schreiben, sein nie endender Konsum von Kultur. Sobald die Entscheidung gefallen war, ging alles sehr natürlich.»
Edwards verschwand am 1. Februar 1995 im Alter von 27 Jahren. Im November 2008 ließ ihn seine Familie für tot erklären. Er war künstlerischer Kopf der Band, schrieb mit Wire die Texte. Als ihn 1991 ein Journalist fragte, wie ernst es die Band wirklich meine, ritzte er sich mit einer Rasierklinge «4 Real» in seinen Arm. Er verfehlte knapp eine Arterie, die Wunde musste mit 17 Stichen genäht werden.
In «Send Away The Tigers» knüpften die Manics musikalisch wieder an ihre Wurzeln an - und erinnerten auch an ihr verschollenes Gründungsmitglied in Liedern wie «Cardiff Afterlive». Sie hätten sich gewiss wieder an ihrem Debüt «Generation Terrorists» (1992) und das dritte Album «The Holy Bible» von 1994 orientiert, sagt Wire.
«Es hatte wieder diese Art naiven Idealismus, Wut und pure Energie.» Das «Journal» gehe noch einen Schritt weiter: «Wir haben uns fast wieder jung gefühlt, denn diese Texte wurden von einem Mann geschrieben, der auf dem Höhepunkt seiner Fähigkeiten als Lyriker war, mit der Energie, die man mit 27 hat und die sich unbestreitbar ändert, wenn man älter wird. Die Texte haben (die Musik) diktiert. Ich denke, man kann die Energie, die Lebendigkeit der Ideen hören.»
Disziplin und «gute harte Arbeit»
Das «Journal» sei für die Band eine Art Kunstprojekt. «Send Away The Tigers» sei hingegen ein traditionelles Rock-Album gewesen, mit dem man um die Welt getourt sei. «Wir wollten darüber hinaus gehen und ein Kunstwerk schaffen. Deshalb haben wir das Cover von Jenny Saville machen lassen, die heute eine weltbekannte Künstlerin ist und damals schon "The Holy Bible" illustrierte. Es kamen die richtigen Leute zur richtigen Zeit zusammen, Produzent Steve Albini ist für seine unkommerzielle Arbeit bekannt. Wie wir Drei die Musik zu diesen Liedern in einem walisischen Studio spielten und Albini das mitschnitt - das ist einzigartig, weil das niemand sonst bisher gemacht hat. Billy Bragg und Wilco haben "Mermaid Avenue" (mit bis dahin unveröffentlichten Liedern von Woodie Guthrie ) gemacht. Aber sie haben Woodie Guthrie nicht persönlich gekannt. Wir kannten Richey, wir liebten ihn, er war in unserer Band.»
Musikalisch werden Edwards" Texte in eine für die frühen 90er Jahre typische Mischung zwischen Punk, Rock und Grunge umgesetzt, die sanfteren Stücke erinnern an Lou Reed. Es sei eine Art Zeitkapsel aus dem vordigitalen Zeitalter: «Richey hatte nie ein Mobiltelefon, keinen Computer, er schrieb alles auf der Schreibmaschine. Wir haben das Album mit Albini analog auf Tonband aufgezeichnet, es ist also eine Art Schatztruhe aus einer bestimmten Zeit.»
«Mit Computern kann man Mittelmäßigkeit verschleiern»
Eingespielt sei alles live - zum ersten Mal habe die Band so gearbeitet. «Das erfordert viel Disziplin und ist letztendlich viel harte Arbeit. Aber gute harte Arbeit», resümiert Wire. «In der Welt der digitalen Pro-Tools ist es einfach, Platten zu machen», erklärt er. «Man kann mit dem Computer so viel machen - deshalb gibt es so viele mittelmäßige Platten, die weder schlecht noch brillant sind. Mit Computern kann man Mittelmäßigkeit verschleiern.»
Die Manic Street Preachers wollen das «Journal» in zehn Konzerten voraussichtlich in Großbritannien vollständig aufführen. Eine größere Tournee werde es wohl nicht geben. Im Herbst werde sich das Trio dann bereits an das nächste Album machen. «Ich denke, das wird richtig euphorisch sein. Das hier ist ein dunkles Album für dunkle Zeiten. Das nächste soll irgendwie glorreich sein, "Glory" ist das Wort, das wir oft benutzen.»
Und auch ein Pop-Element könnte es geben, wie ein Manic-Cover des Rihanna-Hits «Umbrella» andeuten könnte. «Wir haben dieses Album gemacht, das uns erlaubt hat, noch einmal 27 zu sein und finsteren Rock wie Nirvana oder Joy Division zu spielen. Ich denke, wir Drei werden uns wieder zusammentun und dann etwas Tiefes und Euphorisches machen.»

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