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13. Mai 2009
«Préliminaires» mit 62
Köln - Das volle, blonde Haar schulterlang, die Statur gedrungen, das Gesicht kultiviert verlebt, kein Gramm Fett zuviel auf den Rippen, die Bewegungen geschmeidig. Iggy Pop schlendert mit einer Lässigkeit zum Interview, die nicht untypischer sein könnte für seine 62 Jahre. Kokettieren mit dem abgelutschten Klischee des Jungseins im Alter ist das nicht. Vielmehr manifestiert sich eine Wachsamkeit in seiner Körpersprache, die jeglicher Alterskategorisierung trotzt. Sein Augenaufschlag ist sinnlich-charmant, seine Stimme samtig-markant, sein Lachen ansteckend.
Rock-Ikone mit exzessiver Vita, Überlebenskünstler mit poetischer Ader und immer noch nonkonformistischer als jeder Jungrebell. Kürzlich trat er mit einer anderen, gerade wiederbelebten Ikone, Grace Jones, in einem Pariser Club auf, intonierte «Nightclubbing», suggerierte dabei mit der Pop-Raubkatze Kopulationsszenen und jetzt sitzt er hier, um über ein Buch zu reden, das ihm als Inspiration für sein neues Album «Préliminaires» (EMI) diente.
Natürlich handelt es sich dabei nicht um irgendein Buch, sondern um eins der am kontroversesten diskutierten. «Die Möglichkeit einer Insel» des französischen Autoren Michel Houellebecq, dessen Roman «Elementarteilchen» kürzlich verfilmt worden war, wurde für Iggy Pop nach eigenem Bekunden zur Seelenspiegelung. Es traf sich gut, dass der «Pate des Punk» ungefähr zur gleichen Zeit eine Aversion gegen «Gitarre spielende Idioten, die ewig die gleichen Akkorde raus hauen» entwickelte, denn zur Umsetzung seiner Leseeindrücke gelüstete es ihm nach viel dunkleren Ausdrucksmöglichkeiten als den handelsüblichen Gitarrenakkorden.
Tod Befreiung von «hässlichen Geräuschen»
Grob betrachtet führt sein neues Album zunächst zum Trugschluss, dass Iggy Pop seinen Biss verloren hätte, weil New Orleans-Jazz und seltsam ruhige Arrangements die zwölf neuen Songs dominieren. Inhaltlich illuminiert die Platte allerdings die altbekannte, radikale Seite des Herrn Pop expliziter denn je. «Préliminaires», das im Französischen «Vorspiel» bedeutet, ist sein bislang existenzialistischstes Werk und fußt auf drei markigen Themen - Tod, Sex und dem Ende der Menschheit. «Todsein kann gut sein weil man im Tod die hässlichen Geräusche des Lebens nicht wahrnehmen muss», raunzt er in einem seiner zwölf neuen Songs und erklärt dem rätselnden Reporter auch gleich wie die Metapher der «hässlichen Geräusche» zu verstehen ist.
«Ach komm, bist du noch nie verlassen worden? Ist dir noch nie die kalte Schulter gezeigt worden, die dazu geführt hat, dass etwas in dir gestorben ist?». Fürwahr! «Es gibt eine dicke Trennlinie zwischen Todessehnsüchten, die ein Fall für die Psychiatrie sind und beispielsweise solchen, die sich in unserem sexuellen Triebverhalten zeigen. Warum haben wir Sex und warum können wir nie genug davon bekommen? Weil wir nach der ultimativen Verbindung zueinander suchen und dabei billigend in Kauf nehmen, dass sie doch nur von kurzer Dauer ist. Wenn wir "gekommen sind" fühlen wir uns dem Tod nahe, weil die Einsamkeit wieder spürbar wird. Man kommt alleine und geht alleine. Haha!». Seine eigenen, nicht sexuellen Nahtod-Erfahrungen klammert er in seinem nonchalanten Redefluss nicht aus. An mindestens vier Situationen könne er sich erinnern, in denen er drogenbedingt «fast soweit gewesen wäre». Bescheuert sei das gewesen, resümiert er, aber vielleicht auch kathartisch und wichtig für sein heutiges Bewusstsein mit dem es ihm blitzschnell gelänge, die «Schwachsinnsinfos der amerikanischen Massenmedien» von der Wahrheit zu trennen.
«Energien loswerden»
Hund müsste man sein, erklärt er an einer anderen Stelle des Albums - weil Hunde ein viel cooleres Leben führten als Menschen. Sie dürften mit «ihrer kleine dreckige Nase» ständig überall herumschnüffeln, hätten im Gegensatz zu unserer Spezies kein übergroßes Ego, das ihnen das Leben erschwere und außerdem und überhaupt, was gäbe es cooleres als «ständig mit nacktem Arsch» durch die Gegend laufen zu dürfen? Das ist der Iggy, den man kennt oder zumindest mittels seiner exaltierten Bühnenakrobatik immer glaubte zu kennen! Weniger bekannt ist der Romantiker Iggy Pop, der den Eröffnungssong seines neuen Albums, das altbekannte «Autumn Leaves» in der französischen Originalversion als «Les Feuilles Mortes» interpretiert, «weil Französisch die romantischste Sprache der Welt ist».
Er klimpert mit den Augenliedern wie weiland Sue Ellen Ewing aus Dallas, wenn er solche Sätze formuliert. Ein bisschen kitschig, aber immer geerdet. Für einen plakativ portraitierten Straßenköter wie ihn überrascht er an anderer Stelle mit überdurchschnittlicher Sprachbildung, wenn er ein paar Sätze in akzentfreiem Deutsch formuliert und konstatiert, Japanisch, Spanisch, Französisch und Italienisch sprechen zu können.
War das Iggy-Bild des «Real Wild Child», das sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt hat nur ein Trugschluss? «Nein, ich musste meine Energien loswerden», sagt er. «Aber ich war nie ein Punk im eigentlichen Wortsinn, weil man den Begriff in meiner Kindheit für Männer anwandte, die in Frauenklamotten herumliefen. Wirke ich etwa so?». Nein, aber das kann ja noch werden. Er lacht, blinzelt ironisch und ist letztlich doch wieder ganz der Freidenker, wenn er mahnt, dass man keinen Regeln außer den eigenen folgen sollte, solange man niemandem damit schade. Ist er möglicherweise doch ein Punk im übertragenen Wortsinn mit Hang zum kategorischen Imperativ? «Daccord!».

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