Fein säuberlich gestapelt stehen die gelben Fässer in dem gigantischen Salzdom 500 Meter unter der Erde. An die 2.000 Behälter sind es, die hier seit 1996 in das ehemalige atomare Endlager der DDR in Morsleben eingelagert wurden, schwach radioaktive Abfälle aus Westdeutschland. Wenn alles seinen Gang geht, sollen sie in alle Ewigkeit da unten bleiben, zugeschüttet mit Salz und Filterasche.
Bundesumweltminister Sigmar Gabriel ist an diesem Freitag nach Morsleben gekommen, um zu begutachten, wie es mit der Schließung des ostdeutschen Atomlagers voran geht. Und er will sehen, ob die Abwicklung von Morsleben vielleicht als Modell für das marode westdeutsche Versuchsendlager Asse taugt, das bald in seine Zuständigkeit übergehen soll.
«Es gibt erstaunliche Paralellen», sagt Gabriel. «In beiden Fällen gab es einen fahrlässigen Umgang mit Atommüll in einem ehemaligen Salzbergwerk.» Beide Lager sind in maroden Schachtanlagen errichtet worden, in beiden lagern schwach- und mittelradioaktive Abfälle, beide sind ohne ordentliches atomrechtliches Verfahren genutzt worden. Und in beiden Fällen muss der Steuerzahler riesige Kosten aufbringen. 2,2 Milliarden Euro sind es in Morsleben. Im Fall Asse würden die Kosten noch «deutlich darüber» liegen, sagt Gabriel.
800.000 Kubikmeter Beton
Morsleben, wo 1897 der Salzabbau begann, war in den 1970er Jahren von der DDR als reguläres Endlager ausgebaut worden. In den 90er Jahren wurden dann auch große Mengen atomarer Müll aus westdeutschen Kernkraftwerken sowie aus Pharma- und Medizinindustrie eingelagert, bis 1998 gerichtlich das Ende verfügt wurde. Seit 1999 arbeitet das Bundesamt für Strahlenschutz an einem Konzept, das Endlager zu schließen.
Grob gesagt lautet der Plan, zunächst die 24 leeren Kammern des alten Bergwerks mit Salzbeton zu füllen, damit es nicht in sich zusammenbricht. Bis 2010 sollen 800.000 Kubikmeter Beton in den Berg gekippt werden. Danach könnten auch die Kammmern mit dem 37.000 Kubikmetern Atommüll verschlossen werden, wie BfS-Chef Wolfram König sagt. Voraussetzung ist aber eine Genehmigung der Landesatomaufsicht. Und die gibt es nur, wenn nachgewiesen ist, dass die Strahlung auf Dauer - also für abertausende von Jahren - sicher nicht zur Oberfläche dringt.
König glaubt, dass so ein Nachweis möglich ist. Das sei jedenfalls sein Ziel, sagt er. Den Strahlenmüll zurückzuholen, wie es jetzt im Fall Asse diskutiert wird, hält er nicht für nötig. Der entscheidende Unterschied zu dem alten Bergwerk in Niedersachsen ist, dass dort in großen Mengen Wasser einströmt, während Morsleben derzeit trocken ist, wie König unterstreicht.
Wie im Parkhaus
Tatsächlich ist im warmen Bauch des Bergs nicht das kleinste Rinnsal auszumachen. Wüsste man nicht, dass man sich in 500 Metern Tiefe befindet, man könnte die grauen Auf- und Zufahrten unter Tage für eine Tiefgarage halten. Zwölf Kilometer Straße schlängeln sich durch das alte Bergwerk.
Mit einem VW-Bus ohne Dach fährt Gabriel zu der Stelle, wo einst mittelradioaktive Abfälle in ein Loch geworfen wurden. Das Stürzen sollte verhindern, dass Menschen mit dem Strahlenmüll hantieren müssen, allerdings mit dem Risiko, dass die Fässer nach 15 Metern freiem Fall kaputt gehen. Weil dort Strahlung in die Umgebung kommen könnte, ist die Kammer inzwischen provisorisch zugeschüttet.
Ordentlich gestapelt wurden nur die Fässer mit schwach strahlendem Müll. Gabriel, wie die Bergleute ausstaffiert mit rotem Overall, Helm und Dosimeter, schaut sie sich von einer Art Aussichtsplattform aus an: Fast verloren wirken die gelben Tonnen in der riesenhaften Kaverne, die wahrscheinlich das Zehnfache fassen könnte. Irgendwer hat unten auf der Lagerebene ein Stehpult aufgestellt, es gibt eine dämmrige Beleuchtung und eine ganze Batterie Feuerlöscher. Ein automatisches Messsystem kontrolliert alle zehn Minuten die Strahlung in der salzigen Luft.
Alle Grenzwerte würden immer eingehalten, versichert ein Mitarbeiter, der seit 37 Jahren im Bergwerk arbeitet und dort für den Strahlenschutz zuständig ist. «Der Abfall könnte gar nicht sicherer stehen als hier», sagt der Mann, der seinen Namen nicht nennen möchte. Jedenfalls sei er hier allemal besser aufgehoben, als in irgendwelchen Zwischenlagern über Tage. Aus seiner Sicht müsste das Endlager auch nicht unbedingt geschlossen werden.
Gabriel und König sehen das ganz anders. Nach heutigem Recht hätte es für das Endlager Morsleben nie eine Genehmigung gegeben, sagt der BfS-Präsident. Die Standfestigkeit der alten Schächte sei gefährdet. Und über kurz oder lang dringe in jedes ausgebeutete Salzbergwerk Wasser ein. Jetzt gehe es darum, das Endlager so zu sichern, dass trotzdem auf Dauer keine Strahlung nach draußen dringen könne. Die 160 Mitarbeiter in Morsleben werden damit noch mehr als ein Jahrzehnt beschäftigt sein.
