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11. Juli 2007

Rio de Janeiro: Zustände wie im Krieg



Rio de Janeiro - Als Ailton Lopes Moreira auf dem Weg zum Supermarkt plötzlich zusammenbrach, dachte seine Frau zunächst an einen Herzanfall. Erst von den Rettungskräften erfuhr sie, dass ihr Mann erschossen wurde. «Es ging alles so schnell», sagte die 45-Jährige. Laut Polizei kam der Schuss vermutlich aus einem nahe gelegenen Elendsviertel. Dort liefert sich die Polizei von Rio de Janeiro seit Wochen heftige Gefechte mit Drogenhändlern.


23 Menschen wurden dabei bislang getötet, fast 70 wurden verletzt. Unter den Opfern sind zahlreiche unbeteiligte Zivilpersonen. Weil Schießereien in der brasilianischen Hauptstadt an der Tagesordnung sind, wurden bereits Geschäfte und Schulen geschlossen, tausende Kinder müssen zu Hause bleiben. Auch der Flugverkehr ist betroffen: Wegen einer Schießerei musste kürzlich eine Maschine umgeleitet werden.

Touristen bezahlen mittlerweile nicht nur wegen des Blicks auf die Copacabana gern mehr für ein Zimmer mit Meerblick, sondern auch deswegen, weil sie nicht von einer Kugel aus den Favelas in den Hügeln hinter der schicken Strandgegend getroffen werden wollen. In den besten Stadtvierteln verlieren Wohnungen mit Blick auf die Slums bis zu 60 Prozent an Wert.

Vor den Panamerikanischen Spielen Mitte Juli hat die Regierung zum ersten Mal eingeräumt, dass die Sicherheit in Rio gefährdet ist. 15.000 Polizisten sollen während der Spiele für die Sicherheit der Sportler, Journalisten und Besucher sorgen. Während Präsident Luiz Inacio Lula da Silva allerdings den Medien vorwirft, das Problem aufzubauschen, spricht der Trainer der brasilianischen Volleyball-Mannschaft von einem «Krieg in der Stadt». Nach Regierungsangaben wurden allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres 87 Menschen durch Querschläger getötet oder verletzt.

«Rio hat die höchste Rate an Querschlägern», klagt Antonio Rangel Bandeira, Mitarbeiter des Abrüstungsprojekts der regierungsunabhängigen Organisation Viva Rio. «Andere Städte in Brasilien haben auch eine hohe Kriminalitätsrate, aber keine Stadt hat so viele unschuldige Opfer.» Im vergangenen Jahr kamen nach Angaben der Sicherheitsbehörden 19 von 4.539 Todesopfern durch Querschläger ums Leben, von 2.098 verletzten Zivilpersonen erlitt jeder zehnte Schusswunden durch Irrläufer. Sowohl Polizei als auch Drogenhändler setzen Bandeira zufolge schwere Schnellfeuerwaffen ein, die unpräzise und wahllos treffen.


Mit dem Finger am Abzug



Die Menschen in den Favelas haben inzwischen genug von der Gewalt. «Schießereien gehören hier zum Alltag. Mein Cousin wurde erschossen, die Nachbarin wurde erschossen», sagt Edivaldo Lins Genuino, ein 23-jähriger Bauarbeiter. Sein Bein wird von einer Metallschiene gestützt, seit er im Mai auf dem Weg zur Arbeit von einem Querschläger getroffen wurde.

Viele Bewohner machen vor allem die Polizei für tödliche Schussverletzungen verantwortlich. Rund 1.000 Zivilpersonen erschießen die Beamten jedes Jahr, den Unterlagen zufolge durchweg aus Notwehr. In der Favela Vila Cruzeiro sitzen die Polizisten mit dem Finger am Abzug an Kontrollstellen. Sie wollen verhindern, dass neue Waffen in das Viertel geschmuggelt werden. Leondro Sales de Oliveira wurde im Mai von einer solchen Polizeikugel ins Bein getroffen. «Die Polizei sah mich kommen und begann zu schießen», sagte der 28-Jährige, der als Pförtner arbeitet. «Für die ist jeder in der Favela eine Zielscheibe. Erst schießen sie und dann stellen sie Fragen.»




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