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11. Juni 2008

Einstiges Backpacker-Paradies gerät in Sog des Luxustourismus



Lima - Galoppierende Inflation und ein blutiger Guerillakrieg: Über viele Jahre hinweg war Peru ein Reiseziel, das trotz eindrucksvoller Sehenswürdigkeiten höchstens abenteuerlustige Rucksacktouristen anlockte. Mittlerweile ist es relativ friedlich geworden in dem Andenstaat, die Wirtschaft floriert. Der Fremdenverkehr blüht auf. Regierung und Industrie setzen jetzt auf die Entwicklung des Luxustourismus, um nach Hippies und Backpackern nun gut betuchte Urlauber ins Land zu locken.

Die Rechnung scheint aufzugehen. So statteten erst kürzlich Multimilliardär Bill Gates und Hollywoodstar Cameron Diaz der weltberühmten Inka-Festung Machu Picchu einen Besuch ab. Für umgerechnet 610 Euro erhalten zahlungskräftige Urlauber dort ein Hotelzimmer mit Blick auf die Zitadelle. Im nahegelegenen Cuzco, das auf einer Höhe von 3.400 Metern liegt, kann sich der Urlauber für 20 Euro die Nacht zusätzlichen Sauerstoff ins Hotelzimmer pumpen lassen.

Mittlerweile formiert sich Widerstand gegen diese Entwicklung. Vor einigen Wochen blockierten peruanische Demonstranten den Flughafen von Cuzco und stoppten den Bahnverkehr auf der einzigen Strecke nach Machu Picchu. «Cuzco no se vende!», riefen sie: «Cuzco ist nicht zu verkaufen!»

Viele Bewohner des Hochlandes, in dem die wichtigsten Touristenziele liegen, haben von dem Boom in Peru mit einem Wirtschaftswachstum von zuletzt neun Prozent nicht profitiert. Die Regierung preist den Tourismus als Konjunkturmotor. Doch die meisten Protestierenden arbeiten nicht in diesem Sektor und richten ihr Augenmerk eher auf die Notwendigkeit von guter Bildung und Gesundheitsfürsorge - Anliegen, die ihrer Meinung nach nicht dadurch erreicht werden, dass ein paar dutzend weitere Jobs für Kellnerinnen oder Hotelpagen entstehen.


«Menschen profitieren nicht vom Tourismus»

«Die meisten Menschen in der Gegend um Cuzco leben von der Landwirtschaft», erklärte Gonzalo Valderrama, ein Anthropologe, der sich den Protesten angeschlossen hat. «Nur weil es mehr Investitionen in den Tourismus gibt, heißt das nicht, dass davon notwendigerweise auch die Menschen in den umliegenden Gebieten profitieren.»

Die Zahl der einreisenden Urlauber, die auf dem Flughafen von Lima registriert werden, ist nach offiziellen Angaben von knapp einer Million im Jahr 2002 auf mehr als 1,8 Millionen im vergangenen Jahr gestiegen. Davon gaben 160.000 Urlauber mindestens 630 Euro pro Tag aus. Die Zahl der Besucher in Machu Picchu, der Hauptattraktion Perus, hat sich innerhalb des letzten Jahrzehnts auf 800.000 mehr als verdoppelt - genauso wie die Kosten für Urlauber, um dorthin zu gelangen.

Wo einst Hippies in gestreiften Ponchos das Bild im malerischen peruanischen Hochland prägten, werden nun Modefotos für das Hochglanzmagazin «Vogue» aufgenommen. Und natürlich darf auch hier das Wellnessangebot für Touristen nicht mehr fehlen. So können sich Urlauber mit dem nötigen Kleingeld in der Nähe der alten Festungen und Tempel im Heiligen Tal von Cuzco eine Massage mit heißen Steinen gönnen oder im Dämmerlicht an einer Yogastunde teilnehmen.

Mit ihren Protesten gegen zwei neue Tourismusgesetze, die den Bau von Hotels in der Nähe archäologischer Stätten erleichtern sollen, hatten die Demonstranten zumindest teilweise Erfolg. Der peruanische Kongress änderte die Gesetzesvorlagen und gab den lokalen Behörden mehr Mitspracherechte bei Baugenehmigungen von Tourismusprojekten. Doch die Kritiker halten die Änderungen für unzureichend, da es immer noch zu viele Schlupflöcher gebe.

Die Situation hat sich mittlerweile wieder etwas beruhigt, doch sah sich die marktwirtschaftlich orientierte Regierung von Präsident Alan Garcia gezwungen, die Konferenz der Tourismusminister der Asien-Pazifik-Staaten (APEC) vom aufrührerischen Cuzco ins ruhigere Lima zu verlegen. «Das einzige, was die Demonstranten erreichen, ist die Gefährdung von Cuzco», kritisierte Wirtschaftsminister Luis Carranza. «Die Proteste unterbrechen den Geldzufluss, da die Urlauber wegbleiben.»

Fürs laufende Jahr rechnen Experten mit einem weiteren kräftigen Wirtschaftswachstum in Peru. Die Zahl der Luxusurlauber wird nach Branchenschätzung um rund ein Viertel auf bis zu 200.000 klettern. Die Hotelkette Starwood (Sheraton, Westin) plant innerhalb der nächsten drei Jahre drei Luxushotels, darunter eines in Cuzco. Auch Hilton hat dort ein Grundstück.


«Sucht netten Ort ohne Touristen»

Die Rucksacktouristen trauern derweil der guten alten Zeit nach. Mit den zahlungskräftigen Reisenden kletterten die Preise im Land. So stieg beispielsweise die Eintrittsgebühr für Machu Picchu von 72 Soles (17 Euro) auf 122 Soles (28 Euro), und die Preise für eine Zugfahrkarte von Cuzco nach Machu Picchu und zurück beginnen jetzt bei 63 Euro.

Die 22-jährige Rucksackreisende Justina, eine Studentin aus Polen, erzählt, Machu Picchu sei mit Abstand das kostspieligste Ziel ihrer zweiwöchigen Tour durch Peru gewesen. Ihr Rat an alle Reisenden mit kleinem Budget: «Sucht euch einen netten Ort ohne Touristen.»




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