Angela Merkel hat in den vergangenen zwei Monaten fleißig Kindergärten besucht, Schullabore besichtigt und sich mit Auszubildenden an Werkbänke gestellt. Die Bundeskanzlerin war in ganz Deutschland unterwegs, um sich für den Bildungsgipfel am 22. Oktober über die Erziehungs- und Ausbildungssituation zu informieren. Zum Abschluss besuchte sie am Donnerstag Hochschulen in Lüneburg und Magdeburg. Die Reise war noch nicht zu Ende, meldeten sich Kritiker zu Wort und sprachen von einem «Wellness»-Trip.
Nach dem Klimawandel hat Merkel das zweite Megathema des Jahrzehnts, die Bildung, zur Chefinnensache gemacht. «Wir müssen die Bildungsrepublik Deutschland werden», formulierte die Kanzlerin ihr Ziel im Juni. Insgesamt besuchte die CDU-Politikerin seit dem 21. August 13 Einrichtungen in elf Bundesländern. In Kindergärten, Schulen, Ausbildungsstätten und Hochschulen sprach sie mit Lernenden und Lehrenden.
Dabei richtete sie ihren Augenmerk vor allem auf innovative pädagogische und bildungspolitische Ansätze mit Vorbildcharakter. So gilt die Uni Lüneburg als Vorreiter bei der Umstellung von herkömmlichen Diplom- und Magisterstudiengänge auf das international gängige Bachelor- und Master-System. Und die Hochschule Magdeburg-Stendal entwickelte ein Aufbaustudium für arbeitslose Akademiker der Fachrichtung Maschinenbau.
Auf dem Bildungsgipfel in knapp zwei Wochen in Dresden will Merkel mit Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) und den Ministerpräsidenten eine Qualifizierungsinitiative für Deutschland verabschieden.
Studenten fordern «ausführliche Diskussionen»
Reise und Gipfel werden seit Wochen kritisiert. Auch aus den Bundesländern - schließlich gehören Schulen und Kitas eindeutig in ihren Einflussbereich. Die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz (KMK), die saarländische Kultusministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, warnte den Bund vor einer zu starken Einmischung in bildungspolitische Fragen.
Seit der Föderalismusreform sind die Hürden für eine Zusammenarbeit von Bund und Ländern noch etwas höher geworden. Nun gilt strenggenommen die alleinige Zuständigkeit der Länder. Als «Königin ohne Land» sei Merkel im deutschen Bildungswesen unterwegs, spotteten die Grünen über die Bildungsreise.
Auch die Studenten in Lüneburg waren nach Merkels Besuch skeptisch: «Eine differenzierte Auseinandersetzung mit Inhalten ist innerhalb eines öffentlichkeits- und werbewirksamen Zweistundenbesuches nicht möglich, sondern erfordert ausführliche Diskussionen mit allen Statusgruppen», hieß es in einem Offenen Brief von AStA und Studierendenparlament an die Kanzlerin. Schüler und Studenten sollten zu dem Bildungsgipfel eingeladen werden.
In einem knapp halbstündigen Gespräch mit 15 Studenten sei Merkel sehr offen gewesen und habe interessierte Fragen gestellt. «Allerdings ging sie zuwenig auf inhaltliche Fragen ein», sagte AStA-Sprecher Sebastian Heilmann.
Grüne und Linke kritisieren Reise
Grüne und die Linkspartei kritisierten Merkels Projekt zum Abschluss. «Reisen bildet nur eingeschränkt. Zumindest wenn man wie die Kanzlerin ausschließlich die Wellness-Oasen der deutschen Bildungslandschaft besucht», erklärte der hochschulpolitische Sprecher der Grünen, Kai Gehring. Für die größten Baustellen im Bildungssystem habe sie keine Augen gehabt. Die bildungspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der Linken, Nele Hirsch, forderte die CDU zum Handeln auf. So müssten die Bildungsausgaben erhöht werden.
Die Bildungsgewerkschaft GEW wertete die Reise prinzipiell als gutes Zeichen. «Das Thema Bildung ist eine gesamtstaatliche Verantwortlichkeit», sagte der GEW-Vorsitzende Ulrich Thöne. Da sei es gut, dass sich Merkel des Themas angenommen habe. «Nun ist aber die Frage, was daraus gemacht wird», sagte Thöne weiter und fügte hinzu: «Bei allem Medienspektakel - gesucht sind Lösungen.»
So müsse die soziale Auslese abgeschafft werden. Außerdem bestehe Bedarf an Ganztagesbetreuung, mehr Kapazitäten an Universitäten und besserer Weiterbildung. Thöne kündigte an: «Wir werden in einem Jahr nachfragen, was aus den Besuchen herausgekommen ist.»
