«Die französische Sprache ist vielleicht meine einzige richtige Heimat», sagte Jean-Marie Gustave Le Clézio in einem seiner wenigen Interviews. Der Weltbürger französisch-mauretanischer Herkunft, Poet der afrikanischen Wüste, der Indianer und der eigenen Kindheitserinnerungen, erhält in diesem Jahr den Literaturnobelpreis. In seinen mehr als 30 Romanen, Essays und Erzählungen hat Le Clézio eine humanistische Wirklichkeit «außerhalb und unterhalb der herrschenden Zivilisationen» geschaffen, würdigte ihn die Schwedische Akademie der Wissenschaften.
Der 68-Jährige ist eine Ausnahmeerscheinung. Der «Verfasser des Aufbruchs, des poetischen Abenteuers und der sinnlichen Ektase» entzieht sich jeder literarischen Schublade oder Mode. Wegen der Suche nach unbekannten Welten wurde er als moderner Jules Verne beschrieben. Seine Auseinandersetzung mit der französischen Kolonialzeit brachte ihm Vergleiche mit Joseph Conrad ein, dem Romancier des britischen Imperiums. Seine eigenwillige, einfühlsame Poesie erhebt ihn zum Erben Arthur Rimbauds.
Erste literarische Versuche schon als Achtjähriger
Wie der französische Dichter entdeckte Le Clézio seine Berufung schon in der Kindheit. Auf der monatelangen Schiffsreise von Nizza nach Nigeria, wohin die Familie 1948 zog, schrieb er seine ersten beiden Büchlein - im Alter von acht Jahren. Und er fertigte gleich eine Liste «kommender Bücher» an. Seinen Debütroman legte er mit 23 Jahren vor, und erregte mit «Das Protokoll» (1963) gleich großes Aufsehen. In den Nachwehen des Existenzialismus war er ein «Magier, der die Worte aus dem degenerierten Zustand der Alltagssprache herauszuheben suchte», erklärte die Schwedische Akademie. Schon als junger Schriftsteller zieht sich die Zivilisationskritik wie ein roter Faden durch sein Werk.
Mit «Die Wüste» (1980) gelingt Le Clézio der endgültige Durchbruch als Romanschriftsteller. Mit der Hauptfigur, der algerischen Gastarbeiterin Lalla, einer Nachfahrin der Tuareg, schuf der Schriftsteller einen utopischen Gegenpol zur als brutal und kalt empfundenen europäischen Gesellschaft. «Wenn man einen Roman schreibt, verändert man die Persönlichkeiten und wird selbst jemand anderes», sagte er am Mittwoch dem Radiosender France Info. «Es ist herrlich, jemand aus einer ganz anderen Zeit zu werden, sich vollständig mit der Romanfigur zu identifizieren.»
In den 70er Jahren tauchte Le Clézio bei Aufenthalten in Mexiko und Mittelamerika in untergegangene Zivilisationen ein, im Kontakt mit Indios suchte er eine neue geistige Wirklichkeit. Er lernt die Marokkanerin Jemia kennen und heiratet sie 1975, das Paar lebt bis heute abwechselnd in New Mexico, auf Mauritius und in Nizza. Der Traum vom irdischen Paradies ist auch das Leitmotiv seines Romans «Der Goldsucher» von 1985 über die Inseln des Indischen Ozeans, in dem Le Clézio autobiografische Elemente verarbeitet.
Der Schriftsteller mit dem markanten Kinn und den blauen Augen gilt als Einzelgänger, der den geheimnisvollen Verbindungen zwischen Menschen und Natur nachspürt, stets der elementaren Rätselhaftigkeit der Existenz zugewandt. Seine Überzeugung von der Notwendigkeit menschlicher Nähe erfüllt den Roman «Fliehender Stern» (1996), der die Flucht eines jüdischen Mädchens aus dem Vichy-Regime nach Israel erzählt.
Die Abwendung von der westlichen Zivilisation und die Suche nach fernen Paradiesen hat indes nicht alle Leser überzeugt. Sein biografischer Roman «Ein Ort fernab der Welt» (2000) über zwei Brüder, die wie Le Clézios Großeltern von Paris nach Mauritius auswandern, sei «bis zur Schmerzgrenze beschaulich», befand die «Neue Züricher Zeitung». Die Fantasie, Wärme und Genauigkeit, mit der Le Clézio ferne Welten beschreibt, wird indes von der Kritik gewürdigt. In Deutschland erschien 2007 zuletzt sein Roman «Der Afrikaner». Sein neues Werk «Ritournelle de la faim» erscheint in diesen Tagen zunächst in französischer Sprache.
