Höchste Ehre für einen Außenseiter: Der französisch-mauritische Autor Jean-Marie Gustave Le Clézio erhält den diesjährigen Literatur-Nobelpreis. Der 68-Jährige hat zahlreiche zivilisationskritische Romane geschrieben, seine Bekanntheit in Deutschland war bis zum Donnerstag begrenzt. Die Schwedische Akademie der Wissenschaften würdigte Le Clézio als «Verfasser des Aufbruchs, des poetischen Abenteuers und der sinnlichen Ekstase».
Der Preisträger zeigte sich bewegt und überrascht. «Damit habe ich nicht gerechnet», sagte er auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz in Paris. «Ich war ja in hervorragender Gesellschaft.»
Die Schwedische Akademie würdigte mit Le Clézio wie in den Vorjahren einen Europäer. Der unter anderen von Literaturkritiker Marcel Reich Ranicki favorisierte US-Autor Philip Roth ging abermals leer aus. Während die Entscheidung unter Experten mit zurückhaltender Überraschung aufgenommen wurde, reagierte der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy euphorisch: Er feierte Le Clézio als «einen Sohn aller Kontinente und Kulturen, der in einer globalisierten Welt die Ausstrahlung Frankreichs, seiner Kultur und seiner Werte alle Ehre macht».
Durchbruch mit «Die Wüste»
Der in Nizza geborene Autor hat mehr als 30 Bücher veröffentlicht, darunter Erzählungen, Romane, Essays, Novellen. Er erforsche in seinen Werken eine «Menschlichkeit außerhalb und unterhalb der herrschenden Zivilisation», heißt es in der Würdigung des Nobelkomitees. Seinen Durchbruch erzielte Le Clézio 1980 mit dem Roman «Wüste». Für die Erzählung über eine Nachfahrin der Tuareg, die als Gastarbeiterin in Frankreich zwischen den Zivilisationen steht, wurde Le Clézio von der Französischen Akademie ausgezeichnet. Zuletzt erschien auf Deutsch von ihm 2007 «Der Afrikaner» über die Geschichte seines Vaters. In diesen Tagen kommt auf Französisch das Werk «Ritournelle de la faim» auf den Markt. Le Clezio, der neben der französischen auch die mauritische Staatsangehörigkeit bestitz, ist seit Claude Simon im Jahr 1985 der erste Literaturnobelpreisträger der Grande Nation.
Seine deutsche Lektorin beim Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch, Bärbel Flad, zeigte begeistert von der Auszeichnung für ihren Autor: «Er ist aus vielerlei Gründen faszinierend: Mit seinen exotischen Werken über die Kolonialzeit, die französische Geschichte und seine eigene», sagte sie im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP. Viele seiner Werke seien Abenteuerromane, «faszinierend zu lesen - insbesondere auch für junge Menschen».
Europäische Dominanz seit 1994
Le Clézio wurde am 13. April 1940 als Sohn einer Französin und eines britischen Mediziners in Nizza geboren. Mehrere Jahre seiner Kindheit verbrachte er in Nigeria, wo sein Vater als Arzt tätig war. Nach dem Studium der Philosophie und Literatur übernahm er Lehrertätigkeiten an Universitäten in Thailand und Mexiko und arbeitete als Lektor in Großbritannien und Frankreich. Schon bald widmete er sich jedoch ausschließlich dem eigenen Schreiben. Le Clézio hat außerdem mehrere Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht. Mit seiner zweiten Frau lebt er abwechselnd in Frankreich und New Mexico.
Im vergangenen Jahr ging der mit zehn Millionen Kronen (1,02 Millionen Euro) dotierte Nobelpreis für Literatur an die britische Autorin Doris Lessing. Seit der Verleihung des Preises an den Japaner Kenzaburo Oe im Jahr 1994 dominierten europäische Schriftsteller das Geschehen.
Die letzte US-Amerikanerin war Toni Morrison ein Jahr zuvor. In der vergangenen Woche hatte der ständige Sekretär der Schwedischen Akademie, Horace Engdahl, amerikanische Schriftsteller in einem AP-Interview als zu isoliert und unwissend bezeichnet, um große Literatur zu schreiben, und heftige Kritik geerntet.
Die Preisverleihung erfolgt alljährlich am 10. Dezember, dem Todestag Nobels.
