Die weltweite Schifffahrt boomt. Das bedeutet für die Seeleute aber auch immer mehr Arbeit, Druck und Stress. Arbeitsmediziner kritisieren die zunehmende Belastung: «Wir nehmen wahr, dass die rasante Entwicklung in den vergangenen Jahren den Druck auf die Seeleute und damit die Gefahr für ihre Gesundheit und die Schiffssicherheit erhöht hat», sagt Marcus Oldenburg, Leiter der Arbeitsgruppe Schifffahrtsmedizin des Hamburg Port Health Center, das Teil des Zentralinstituts für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM) ist.
«Die Seefahrerromantik der 50er bis 70er Jahre gibt es schon lange nicht mehr», sagt der Mediziner. Die Arbeitswelt Schiff nehme allgemeine Entwicklungen in der Gesellschaft vorweg. Insbesondere in der Containerschifffahrt seien die Folgen von Arbeitsverdichtung und Globalisierung bereits deutlich zu spüren. Dabei stützt sich Oldenburg vor allem auf eine eigene Umfrage aus dem Jahr 2007. Knapp 170 Seeleute auf deutschen Schiffen wurden im Rahmen der Seedienst-Tauglichkeitsuntersuchung bei der Seeberufsgenossenschaft zu ihren Arbeitsumständen befragt.
Dabei nannten die Seeleute vor allem fünf Belastungsfaktoren. Am meisten belastet sie der Umfrage zufolge die Trennung von ihrer Familie, vor allem wenn sie Kinder haben. 36 Prozent der Befragten sahen darin die Hauptbelastung der Arbeit an Bord. Für 28 Prozent der Vorgesetzten war die unzureichende Qualifikation nachgeordneter Crew-Mitglieder besonders belastend, für 22 Prozent die Hektik und der Zeitdruck. 21 Prozent nannten lange und unregelmäßige Arbeitszeiten als Hauptproblem, 18 Prozent ihre Hitzearbeitsplätze, beispielsweise im Maschinenraum.
Auch Multinationalität ist ein Problem
Die Mediziner beunruhigen besonders die langen Arbeitstage. Nach den subjektiven Angaben der Schiffsoffiziere bestanden bei rund 64 Prozent der Befragten Arbeitszeiten von mehr als 14 Stunden am Tag, sagt Oldenburg und fügt hinzu: «Ein Offizier berichtete von 70 Stunden am Stück.» So etwas sei nur mit Koffein, Nikotin und Frischluft zu überstehen - und das nur temporär. «Übermüdung führt zu chronischen Gesundheitsstörungen. Das erhöht die Unfallgefahr.»
Für die psychische Belastung ist nach Einschätzung des Arztes auch nicht zu unterschätzen, dass zirka 80 Prozent der weltweiten Handelsflotte multinational besetzt seien: «Sprachliche und soziokulturelle Probleme können zu Isolation und Vereinsamung führen.»
Vor allem nicht-europäische, oftmals asiatische Seeleute hätten damit Probleme. Ihre durchschnittliche Heuerzeit sei mit zehn Monaten an Bord doppelt so lang wie bei europäischen Seefahrern. Außerdem hätten sie oft eine große soziale Verantwortung, weil von ihrer Heuer nicht selten eine Großfamilie Zuhause ernährt werden müsse.
Erschwerend komme hinzu, dass auf gewinnorientierten Handelsschiffen in aller Regel kein Schiffsarzt an Bord sei, sagt Oldenburg. Die Mannschaft sei daher in der Notfallbehandlung auf hoher See im Wesentlichen auf sich gestellt, habe eine Bordapotheke und ein Hospital. Für die medizinische Versorgung an Bord sei der für die Erste-Hilfe-Behandlung eingesetzte Schiffsoffizier verantwortlich.
Neue Studie soll bei Lösungssuche helfen
Die Lösung klingt einfach: «Wir müssen Stressfaktoren minimieren», sagt Oldenburg. «Doch dazu müssen wir als erstes herausfinden, wo die Zeitprobleme liegen.» Derzeit gebe es vor allem sehr alte Studien. Daher will das ZfAM gemeinsam mit der Seeberufsgenossenschaft eine neue und weiterreichende Studie erstellen, die auf rund zwei Jahre angelegt ist.
Ab Juli 2008 soll die Studie an Bord beginnen mit Messungen von physikalischen Parametern wie Schiffsbewegungen, Lärm, Temperatur und Schadstoffemissionen. Außerdem werden die psychophysischen Belastungen untersucht mit Fragebögen und Messungen von Stresshormonen, Herzfrequenzvariabilität, Lungenfunktion und anderem. Ziel dieser Studie soll die Entwicklung von Präventionsstrategien sein.
Einen Ansatz sieht der Arbeitsmediziner jetzt schon. «Besonders wichtig ist auch, dass die Reedereien dafür Sorge tragen, dass die Seeleute regelmäßig mit ihren Familien in Kontakt treten können», sagt Oldenburg. Beispielsweise wäre es hilfreich, wenn sie günstig übers Internet telefonieren könnten.
