Im NS-Kriegsverbrecher-Prozess um den Mord an 14 italienischen Zivilisten im Zweiten Weltkrieg hat ein Überlebender das Massaker von 1944 geschildert. Der damals 15-jährige Gino M. berichtete vor dem Münchner Oberlandesgericht, wie Deutsch sprechende Soldaten ihn gefangen nahmen, zusammen mit zehn anderen in ein Bauernhaus in Falzano di Cortona sperrten und das Gebäude sprengten. M. überlebte als Einziger schwer verletzt in den Trümmern.
Wegen Mordes muss sich der 90-jährige Josef S. aus Bayern verantworten. Er soll als Kompaniechef in der Wehrmacht die Sprengung des Hauses und die Erschießung von vier weiteren Italienern als Vergeltungsmaßnahme für den Tod zweier deutscher Soldaten befohlen haben. Der Angeklagte bestreitet die Vorwürfe.
Der Zeuge Gino M. beschrieb, wie er und seine Mitgefangenen von den Soldaten festgenommen worden seien. Dann hätten sie nach Falzano di Cortona marschieren müssen und seien dort festgehalten worden.
Später sei ein Offizier auf einem Motorrad mit Beiwagen gekommen und habe Befehle gegeben, die er nicht verstanden habe, sagte M. Daraufhin seien sie zu einem anderen Gebäude gebracht worden, und Zivilisten hätten Sprengstoffkisten in das obere Stockwerk eines Gebäudes getragen. Die Gefangenen mussten der Aussage zufolge ins Erdgeschoss gehen. «Dort wurden wir eingesperrt, und dann fand die Sprengung statt», sagte der heute 79-Jährige.
Von der Besitzerin des gesprengten Hauses gerettet
«Einen Schrei hab ich gehört, und das war es dann. Sie waren alle tot», berichtete M. dem Gericht. Ein weiterer Mitgefangener, der über ihm lag, habe noch einige Zeit gelebt und offenbar furchtbar gelitten, bis er erstickt sei. Er selbst sei Stunden später von der Besitzerin des Hauses und deren Bruder gerettet worden. «Wenn es nur noch fünf Minuten gedauert hätte, wäre ich auch gestorben, weil ich nicht mehr atmen konnte», sagte der Überlebende.
Er habe Verbrennungen davongetragen und ein bis zwei Monate lang seine Augen nicht öffnen und seine Beine nicht mehr bewegen können, berichtete er. Auch psychisch habe das Erlebnis schwere Wunden hinterlassen: «Sobald ich die deutsche Sprache hörte, bin ich sofort davongelaufen», sagte M. Heute gehe es ihm aber wieder gut. Er habe einen Sohn, der in Deutschland lebe. «Ich bin hierher gekommen und habe ganz wunderbare Menschen kennengelernt.»
Besonderes Augenmerk legten die Richter auch auf die Frage, welche Abzeichen und Uniformen die Soldaten trugen. Hier konnte der heute 79-jährige Gino M. allerdings nur bruchstückhafte Informationen geben. Die Verteidigung argumentiert, dass auch andere Soldaten für das Blutbad verantwortlich gewesen sein könnten.
