Die einst boomende isländische Wirtschaft droht im Strudel der weltweiten Finanzkrise unterzugehen. Regierungschef Geir H. Haarde warnte vor einem Staatsbankrott. Am Dienstag bemühten sich Regierung, Zentralbank und Finanzaufsicht um eine Eindämmung der Krise.
Die Regierung gab eine Garantieerklärung für alle Spareinlagen ab, übernahm die Kontrolle über das Finanzinstitut Landsbanki und gewährte der größten Bank Kaupthing einen Kredit von 500 Millionen Euro. Der Wechselkurs der isländischen Krone wird fixiert. Zudem bemüht sich das Land um einen Kredit Russlands für die isländische Zentralbank, um die Währungsreserven abzusichern.
Die Zentralbank erklärte, der russische Botschafter Victor Tatarintsev habe mitgeteilt, dass Russland einen Kredit über 4 Milliarden Dollar gewähre und dass dies von Ministerpräsident Wladimir Putin bestätigt worden sei. Die russische Nachrichtenagentur RIA Novosti zitierte dagegen den stellvertretenden Finanzminister Dmitry Pankin mit der Aussage, es habe keine formelle Anfrage von Island gegeben und es sei keine Entscheidung gefallen.
Landsbanki-Großaktionär beantragt Gläubigerschutz
Unterdessen teilte die Finanzaufsicht Islands mit, die Filialen, Call Center und Geldautomaten sowie der Interzugang der Landsbanki blieben wie gewohnt zugänglich. Wenige Stunden nach der Entscheidung der isländischen Regierung, die Kontrolle der Bank zu übernehmen, stellte der Großaktionär des Instituts, die Samson Holding, Antrag auf Gläubigerschutz.
Am späten Montagabend hatte Regierungschef Haarde vor einem Bankrott des Landes gewarnt. «Es besteht die Gefahr, dass die isländische Wirtschaft im schlimmsten Fall in den Abwärtsstrudel der Banken gerät und das Ergebnis ein Bankrott des Landes sein könnte», sagte er in einer Erklärung im Fernsehen.
Die Regierung hatte zuvor Gesetze durch das Parlament gepeitscht, die der isländischen Zentralbank und der Finanzaufsicht Möglichkeiten der Kontrolle und Intervention bei Finanzinstituten eröffnen, einschließlich der Übernahme von Banken.
Bereits Ende September hatte die Regierung die drittgrößte Bank des Landes, Glitnir, verstaatlicht. An der Glitnir-Bank erwarb die Regierungen für 600 Millionen Euro einen Anteil von 75 Prozent.
Vergangener Wirtschaftsboom
Island zahlt derzeit den Preis für den vergangenen Wirtschaftsboom, als die Unternehmen des Landes in Europa auf Einkaufstour gingen und der Finanzsektor ein beispielloses Wachstum verzeichnete. Angesichts der Folgen der Finanzmarktkrise für das Land ist die isländische Krone unter Druck geraten, sie hat allein im ersten Halbjahr ein Drittel ihres Wertes gegenüber dem Euro eingebüßt, zugleich zieht die Inflation deutlich an. Im vergangenen Jahr war das Bruttoinlandsprodukt des Landes am Rande des Polarkreises, in dem nur 315.450 Menschen leben, noch um 3,8 Prozent gewachsen.
Ein Kollaps des isländischen Finanzsystems dürfte angesichts des starken Engagements der Banken und Unternehmen im Ausland nicht ohne Folgen für den Rest Europas bleiben. So hält beispielsweise eines der größten Unternehmen des Landes, die Investmentgruppe Baugur, Anteile an verschiedenen Einzelhandelsunternehmen unter anderem in Großbritannien.
