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(Update) - Soziologen beraten über «unsichere Zeiten»

veröffentlicht am 07.10.2008


Die Krise der Finanzmärkte beendet nach Ansicht von Sozialwissenschaftlern die bisherige Dominanz des ökonomischen Systems über das politische System. «Wir sind jahrzehntelang einer Weltanschauung aufgesessen, die aus der Ökonomie abgeleitet wurde», sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Hans-Georg Soeffner, am Montag in Jena kurz vor Beginn des 34. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.

 

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Jena - Die Krise der Finanzmärkte beendet nach Ansicht von Sozialwissenschaftlern die bisherige Dominanz des ökonomischen Systems über das politische System. «Wir sind jahrzehntelang einer Weltanschauung aufgesessen, die aus der Ökonomie abgeleitet wurde», sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Hans-Georg Soeffner, am Montag in Jena kurz vor Beginn des 34. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.



Die Ökonomie sei «eine Bereichswissenschaft, deren Ergebnisse auf die gesamte Gesellschaft übertragen wurden». Die Politiker hätten den Menschen immer wieder geraten, zu sparen, eigene Vorsorge zu treffen und auf das ökonomische System zu setzen. Nun müsse die Politik abfangen, was das ökonomische System angerichtet habe.


Unsichere Zeiten hätten aber auch ihre Chancen. Die Politik habe die Möglichkeit, jetzt, da die Banker unter großem moralischen Druck stünden, wirksame Kontrollstrukturen zu installieren, sagte Soeffner.


Unter dem Motto «Unsichere Zeiten» debattieren in Jena rund 1.700 Wissenschaftler aus dem In- und Ausland über die derzeitige Situation des Menschen in der globalisierten Welt. Auf dem bis zum Freitag dauernden Kongress sind laut Tagungsleitung mehr als 600 Vorträge vorgesehen.


Mit der fortschreitenden Globalisierung, Technisierung und Mediatisierung der Welt hätten prekäre Lebensverhältnisse auch in den westlichen Staaten soziale Schichten erreicht, die als sicher gegolten hätten, erklärte Tagungs-Organisator Klaus Dörre. Allem Fortschritt zum Trotz könne die Gesellschaft das Sicherheitsbedürfnis ihrer Mitglieder nicht befriedigen. Die Welt sei so komplex geworden, dass die Menschen mit einer immer größeren Unsicherheit und Unplanbarkeit konfrontiert würden.


Die Debatten um Managergehälter, Bürgergeld, Kinder- und Altersarmut oder die gebeutelte Mittelschicht zeigten, dass viele Menschen die heutige Gesellschaft als ungerecht und ihre eigene Zukunft als unsicher empfänden.

Soziologie stellt sich ihrer NS-Vergangenheit


Mit einer Ausstellung wird erstmals die Geschichte der Deutschen Soziologie im Rahmen eines Kongresses zum Thema gemacht. Soeffner schrieb in einem zur Tagung erschienenen Band von einer «chamäleongleichen Aktiv-Passiv-Anpassung» der Soziologie, die «in der Krise wie in der kritischen Selbstreflexion auffällig unauffällig» geblieben sei. Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie sei nach 1933 «zwischen völkisch gestimmter Selbstgleichschaltung einerseits und opportunistischer Stilllegung andererseits geschlingert», schrieb Soeffner.


Die Soziologie habe sich in ihrer Selbstwahrnehmung immer als die große kritische Wissenschaft betrachtet. Aber wo sei die kritische Position gewesen, als sie am allernötigsten gewesen sei, wird in der Ausstellung gefragt. 1934 sei die Gesellschaft aufgelöst worden, zahlreiche Soziologen seien in die Emigration gegangen, doch nicht wenige namhafte Fachvertreter seien im Land geblieben. Manche von ihnen hätten in ihren Arbeiten die Nazi-Propaganda eins zu eins übernommen, einige seien Mitglieder der NSDAP, der SS und der SA geworden, hieß es.


  (© AP)



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