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07. August 2008
«Wir wussten nicht, wo wir waren»


Berlin - Sechs Monate saß er in der engen Zelle, in die Tageslicht nur durch kleine Milchglasziegel fiel. Sechs Monate traf er täglich nur seinen Vernehmer. «Wir wussten nicht, wo wir waren und waren absolut isoliert. Noch nicht einmal Mitgefangene sahen wir, Kontakt zu Angehörigen oder Rechtsanwälten gab es nicht», erzählt Jürgen Breitbarth. Über 30 Jahre ist das jetzt her, von November 1976 bis April 1977. Nun führt der ehemalige Häftling Besuchergruppen durch das ehemalige Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen, das seit 14 Jahren eine Gedenkstätte ist.

In den vergangenen Jahren hat sich das Gelände, das ungefähr so groß wie drei Fußballplätze ist, zu einem wahren Publikumsmagneten entwickelt. Weit über eine Million Besucher aus aller Welt kamen insgesamt, 208.000 allein 2007. «In diesem Jahr werden es wohl 230.000 werden», schätzt der stellvertretende Direktor Siegfried Reiprich. Nun werden demnächst auch die Bedingungen für die Besucher verbessert, können Cafeteria, Seminarräume, Toiletten und Garderoben und - am wichtigsten - eine Dauerausstellung eingerichtet werden.

Über 16 Millionen Euro, drei Millionen davon für die Einrichtung der Dauerausstellung, stehen dafür zur Verfügung. Die Kosten teilen sich Bund und Land. «Wir hoffen, dass im nächsten Jahr mit den Baumaßnahmen begonnen werden kann», sagt Reiprich. 2011 solle dann alles eröffnet werden.

Stege für die Dauerausstellung

Für den Umbau konnte das renommierte Stuttgarter Architektenbüro von Hans Günter Merz gewonnen werden, das bereits die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen gestaltete. Einen Neubau für die Dauerausstellung wird es nicht geben. Maxime sei gewesen, dass die historische Substanz des Hauses durch die Umbauten so wenig wie möglich beeinträchtigt werde und die Aura erhalten bleibe, erklärt Reiprich. Stattdessen sollen die alten Garagen für ein Foyer und sanitäre Anlagen umgebaut werden.

Und die 700 Quadratmeter große Dauerausstellung soll in einem ehemaligen Materiallager gezeigt werden, das ebenfalls nahezu unverändert bleiben soll. Um den historischen Boden zu schonen, soll ein Steg durch die Räume führen. Auf Tafeln wird die Geschichte der Stätte dokumentiert, zudem werden Exponate gezeigt.

Das Zeitzeugenkonzept soll auch nach den Umbauarbeiten beibehalten werden. Irgendwann werde es natürlich so sein, dass die ehemaligen Häftlinge altersbedingt nicht mehr die anstrengenden, knapp zwei Stunden dauernden Führungen machen könnten, sagt Reiprich. Das könne aber noch dauern. Momentan seien noch 35 im Einsatz, die jüngsten seien derzeit ja auch gerade einmal Ende 30, die ältesten über 80 Jahre. Das mache einen Großteil des Erfolgs aus: Wenn diese von ihren Erlebnissen erzählten, ließe das keinen kalt, meint Reiprich.

«Schalter umlegen»

Breitbarth steht vor den Zellen, in denen auch er einsaß. Inhaftiert worden sei er, weil er einst in Zwickau Plakate gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns geklebt habe, erzählt der 54-Jährige. Mit einem fensterlosen Barkas, einem Gefangenenwagen, sei er in die Haftanstalt gebracht worden. Er habe stundenlange Verhöre durchgemacht, nachts seien die Häftlinge immer wieder aufgeweckt worden, um sie mürbe zu machen. Später sei er dann wegen «staatsfeindlicher Hetze» für ein Jahr und acht Monate nach Plauen verlegt, 1982 ausgebürgert worden.

Seit acht Jahren führt er Besucher durch das ehemalige Gefängnis. Zorn auf die im Gefängnis erlittenen Demütigungen empfindet er nicht. «Wenn ich auf das Gelände komme, lege ich den Schalter um», meint er. «Das ist nicht der Ort, die eigene Geschichte aufzuarbeiten.»

Dann zeigt er auf den sogenannten Rosenhof, um den herum die dreistöckigen, Ende der 50er Jahren von Häftlingen errichteten Zellen- und Vernehmertrakte mit über 220 Zimmern stehen. «Hier auf den Hof mit den Rosen saßen die Stasi-Leute und aßen in der Sonne ihre Pausenbrote», erzählt er. Nicht weit davon entfernt sind die sogenannten Tigerkäfige, in denen die Häftlinge auf acht Quadratmetern eine Stunde am Tag Luft schnappen durften, über sich einen schwer bewaffneten Polizisten.

Der einzige, der sich über die Haftbedingungen beschwert habe, sei Stasi-Chef Erich Mielke gewesen, sagt Breitbarth. Der habe sich über sein eigenes Gefängnis beschwert. Und sei nach Moabit verlegt worden.

Lammert will kommen

Mittlerweile haben auch Politiker den Wert der Gedenkstätte erkannt. Vor zwei Jahren war Bundespräsident Horst Köhler da. Zuletzt konnten die Bundesminister Peer Steinbrück und Brigitte Zypries begrüßt werden. Steinbrück habe im Kabinett geschwärmt und allen einen Besuch empfohlen, erzählt Reiprich. Auf das Budget wirkte sich die Begeisterung aber noch nicht aus. Seitdem die Gedenkstätte vor acht Jahren in eine Stiftung umgewandelt worden sei, liege der Etat, den Bund und Land sich teilten, bei gut einer Million Euro, sagt Reiprich. Damals seien aber nur rund 60.000 Besucher im Jahr gekommen.

«Der Etat muss um mindestens 50 Prozent erhöht werden», fordert er daher. Sonst könne die Forschung nicht wie nötig betrieben werden. Und: Viele Schüler wüssten heute überhaupt nichts mehr über den Unrechtsstaat DDR und seine Willkür.

Weiterer prominenter Besuch hat sich bereits angekündigt. Bundestagspräsident Norbert Lammert will sich am 13. August, dem Jahrestag des Mauerbaus, durch die Stätte führen lassen.






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