Krankenkassen sind neuerdings auf der Suche nach Kranken unter ihren Versicherten, weil sie für diese nach Einführung des Gesundheitsfonds mehr Geld bekommen. Dies räumten mehrere Kassenmanager nach einem Bericht des ARD-Magazins Panorama vom Donnerstag ein. «Nur ein kranker Versicherter ist im neuen System ein guter Versicherter», sagte Christoph Straub von der Techniker Krankenkasse dem Magazin.
Hintergrund ist die Verteilung der Gelder aus dem Gesundheitsfonds, der am 1. Januar 2009 an den Start gehen soll. Aus dem Fonds, der alle Einnahmen der gesetzlichen Krankenversicherung bündelt, erhalten die Krankenkassen Pauschalen für jeden Versicherten. Für 80 schwere Krankheiten gibt es Zuschläge zur Grundpauschale, weil ihre Behandlung besonders teuer ist. Dies ist der sogenannte morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich (Morbi-RSA).
Schon heute werden deshalb nach «Panorama»-Recherchen in den Kassen Datensammlungen angelegt mit dem Ziel, möglichst viele Krankheitsanzeichen der einzelnen Versicherten aufzuspüren und damit Morbi-RSA-fähige Krankheiten gegenüber dem Gesundheitsfonds nachzuweisen. «So werden Millionen von Versichertendaten - auch von uns, das gebe ich ehrlich zu - durchanalysiert», sagte Jörg Saatkamp, Vorsitzender des Bayerischen Landesverbands der Betriebskrankenkassen. «Es wird geguckt, könnte er (der Patient) einen Zuschlag bekommen, wenn man an kleinen Schrauben dreht.»
«Völlig falsche Anreize»
Sein Kollege von der Audi Betriebskrankenkasse, Uwe Seybold, sagte: «Als Mensch finde ich das System pervers. Die Anreize sind völlig falsch. Wirtschaftliches Ziel ist es, den Kunden krank zu behalten.» Dies könnte nach den Worten von Hans Unterhuber von der Siemens-Betriebskrankenkasse Auswirkungen nicht nur auf die Behandlung von Krankheiten, sondern auch auf Vorsorge- und Gesundheitsförderprogramm haben. Es sei fraglich, ob diese in Zukunft betriebswirtschaftlich noch zu verantworten seien.
Kritisch sehen die Chefs der Krankenkassen dem Bericht zufolge, dass auch für Wohlstandskrankheiten wie Bluthochdruck und Diabetes Geld aus dem Fonds ausgeschüttet wird. Diese Krankheiten ließen sich gut präventiv behandeln und durch Gesundheitsförderprogramme lindern. Die Fehlanreize könnten nun dazu führen, dass es mehr Diabetes- und Bluthochdruck-Patienten gibt. «Die Ärzte werden in Zukunft Checklisten haben an Diagnosen, die man leicht bei vielen finden kann, die aus dem Morbi-RSA Geld generieren», sagte BKK-Landeschef Saatkamp. «Da wird in jeder Arztpraxis gescannt werden. Das ist aus meiner Sicht pervers.»
Das für den Morbi-RSA zuständige Bundesversicherungsamt hält die Befürchtungen für übertrieben. Behördenchef Josef Hecken sagte, er gehe nicht davon aus, «dass das, was theoretisch an der einen oder anderen Stelle für den einen oder anderen im Einzelfall reizvoll erscheinen würde, zu einem Massenphänomen wird». Die Kassen würden das finanzielle Risiko einer Umsteuerung wahrscheinlich nicht eingehen, weil sie bei den Zahlungen in Vorleistung gehen müssen.
