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07. August 2008
Eliteschmieden oder Impulsgeber?


Frankfurt - Privatschulen liegen im Trend. Ihre Zahl hat sich seit 1992 annähernd verdoppelt, ebenso die Zahl der Schüler. Dennoch ist der Bedarf nicht gedeckt: «Wir haben lange Wartelisten», sagt Christiane Witek vom Branchenverband VDP. Von Berlin aus versucht das Unternehmen Phorms derzeit, bundesweit eine Kette von Privatschulen aufzuziehen. Während Kritiker vor der Gefahr einer Zwei-Klassen-Bildung warnen, sehen Befürworter die Schulen als notwendigen Impulsgeber des staatlichen Bildungswesens.

Die Pisa-Studie mit dem relativ schwachen Abschneiden deutscher Schüler habe den Trend zur Privatschule gestärkt, sagt VDP-Sprecherin Witek. Bildung habe einen neuen gesellschaftlichen Stellenwert gewonnen, und die Eltern machten sich eben mehr Gedanken, in welche Schule ihre Kinder gehen sollten. «Wir sind nicht besser, aber anders als die staatlichen Schulen.» Die Schüler würden in privaten Instituten individueller gefördert - das überzeuge die Eltern.

Manfred Weiß vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) verweist dagegen auch auf die wachsende Konkurrenz um attraktive Jobs. «Privatschulen kommen dem Wunsch nach "Distinktion" entgegen, den Abschluss aufwertenden Extraprofilen. Dies bietet der ehemalige Elitetypus des deutschen Schulsystems, das Gymnasium, längst nicht mehr», sagt Weiß.

Niedriger Ausländeranteil

Tatsächlich liegt der Ausländeranteil an Privatschulen bei nur 3,9 Prozent gegenüber 7,7 Prozent bei deutschen Schülern. Die deutlich niedrigere Quote könnte mit dem Schulgeld zusammenhängen, notierte das Statistische Bundesamt. Sind Privatschulen also doch Eliteschmieden für die betuchte Kundschaft? «Das Gros der Schulen ist nicht elitär», versichert Witek. Das durchschnittliche Schulgeld bei einem Halbtagsschulbetrieb betrage 150 Euro pro Monat. «Es gibt auch Geschwisterrabatte und Stipendien.»

Damit liegen die Schulen in der Regel über den 120 Euro, die die Rechtsprechung laut VDP als noch sozialverträglich und nicht als Verstoß gegen das sogenannte Sonderungsrecht einstuft. Im Grundgesetz ist festgelegt, dass Privatschulen genehmigt werden müssen, wenn «eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird».

Medienberichten zufolge verweigerte es die Hamburger Schulbehörde mit diesem Argument der Phorms AG, in der Hansestadt eine Grundschule und ein Gymnasium einzurichten. Das Unternehmen, das bereits bilinguale Einrichtungen in Berlin, Frankfurt am Main, Köln und München betreibt, verlangt abhängig vom Bruttoeinkommen der Eltern zwischen 200 und 999 Euro.

Laut Pisa-Studie keine besseren Leistungen

Ob die Privatschulen für das Geld auch wirklich besser sind, ist umstritten. Die Erziehungswissenschaftlerin Annette Scheunpflug von der Uni Erlangen-Nürnberg bilanzierte in einer Studie zu evangelischen Schulen einen Vorteil beim Leseverständnis. Keine Unterschiede sah sie bei mathematischen Kompetenzen.

Das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) erklärte, in sechs Bundesländern brächten Privatschulen im Verhältnis zur Schülerzahl mehr als doppelt so viele Abiturienten hervor wie Gymnasien und Gesamtschulen in staatlicher Trägerschaft. Und bei Pisa hätten die 15 Jahre alten Privatschüler 2003 in Punkto Lesekompetenz klar besser abgeschnitten. Das könne neben der Unterrichtsqualität aber auch mit dem familiären Hintergrund zusammenhängen, räumte das IW ein.

Die Pisa-Studie 2006 zieht ein nüchternes Fazit: «In Deutschland unterscheiden sich die Leistungen der Schüler von Privatschulen nicht wesentlich von denen der Schüler öffentlicher Schulen, woran sich auch nach Berücksichtigung des sozioökonomischen Hintergrunds auf Schüler- und Schulebene nichts ändert.» DIPF-Forscher Weiß kennt ebenfalls «kaum belastbare wissenschaftliche Ergebnisse» für eine angeblich größere Leistungsfähigkeit.

IW sieht Milliardenentlastung für die Steuerzahler

Mit dem Status einer Ersatzschule erhalten die privaten Einrichtungen öffentliche Gelder. Die jährlichen Förderbeiträge des Staates lägen um 2.800 Euro pro Schüler unter den in öffentlichen Schulen anfallenden Kosten, errechnete das IW. Das entlaste die Bundesländer um jährlich 1,7 Milliarden Euro.

Das Bundesfinanzministerium will jetzt die steuerliche Absetzbarkeit des Schulgelds eingrenzen - auch um ein Auseinanderdriften der Bildungslandschaft «bis hin zu einem Zwei-Klassen-Schulsystem» zu verhindern. DIPF-Forscher Weiß schlägt in die gleiche Kerbe: «Eine der Botschaften der Pisa-Studien ist, dass wir eher schon zuviel Differenzierung in unserem gegliederten Schulsystem haben. Ein expandierendes Privatschulsystem würde dies verstärken.»






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