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07. August 2008
Bio-Äpfel mit Kerosin


Berlin - Die Sonne scheint, das Bier steht kühl, und das Vogelgezwitscher wird nur ab und zu von Flugzeugen, S-Bahnen oder Polizeisirenen übertönt. Manfred Krause steht in seinem Beet und hält stolz eine Kartoffel in der Hand. «Das ist, als ob ich nach Nuggets grabe», sagt der Rentner. «Ich fühle mich hier wie im Urlaub.» Seit über drei Jahrzehnten ist Krause Pächter eines Schrebergartens im Berliner Stadtteil Wedding. Mit seinem Garten mitten in der Stadt liegt der 66-Jährige wieder voll im Trend.

Das noch vor kurzem als spießig und piefig verschrieene eigene Fleckchen Grün ist angesagt, auch bei jungen Familien. 45 Prozent aller Neuverpachtungen in den letzten fünf Jahren gingen an Familien mit Kindern - Tendenz steigend.

«Die Wartelisten für die Parzellen werden in den Ballungsgebieten wie Berlin, München, Köln oder Hamburg immer länger», sagt Tomas Wagner vom Bundesverband Deutscher Gartenfreunde in einem AP-Gespräch. Das liege auch daran, dass viele Menschen sich Reisen schlicht nicht mehr leisten könnten. «Der eigene kleine Garten, dazu recht günstig, ist für viele ein Urlaubsersatz», sagt Wagner. Bundesweit gibt es momentan über 1,2 Millionen Kleingärten.

«Wie früher bei Oma»

Auch der Anbau von Obst und Gemüse «wie früher bei Oma» sei für viele attraktiv. Nicht nur wegen des Preises, denn da seien viele Supermärkte mit ihrer Discount-Ware weiter unschlagbar, sagt Wagner. «Aber die Leute wollen experimentieren und haben Spaß am Selbstgeernteten, das sie dann auch im Freundeskreis weitergeben können.»

Für den Trend gebe es noch mehr Gründe: Umfragen zufolge habe sich die Freizeitgesellschaft im letzten Jahrzehnt stark gewandelt, sagt Wagner. Ende der 90er seien Extremsportarten angesagt gewesen, nach dem Motto «Schneller, Höher, Weiter». Mittlerweile habe sich ein Wertewandel vollzogen. «Den jungen Leuten sind Familie und eigene vier Wände wieder wichtiger geworden», sagt Wagner. Freizeitmotive wie Ruhe, Kreativität und gesunde Lebensführung stünden weit oben auf der Prioritätenliste.

«Hier kann man die Natur entdecken»

Ruhe, das kann Krause bestätigen, kann man hier in der Kolonie Wiesengrund, direkt an der Bornholmer Brücke, die einst Ost- und West-Berlin trennte, finden. «Das hier ist wie eine Oase», meint er, steckt sich eine selbst gepflückte Brombeere in den Mund und legt sich neben seine Frau auf eine Liege. Deswegen ist der ehemalige Polizist bereits seit einigen Tagen auf seiner Parzelle - auch nachts.

Übernachten in den Lauben ist eigentlich laut Bundeskleingartengesetz nicht erlaubt. Aber das werde alles nicht mehr so eng gesehen, sagt Krause. Zum Glück: So kann er gleich am Morgen nach dem Aufstehen Schnittlauch, Tomaten oder Äpfel ernten: «Die schmecken fünf Mal so gut wie die gekauften und sind absolut bio. Da ist höchstens Kerosin drin», lacht Krause und deutet auf ein eben vom nahen Flughafen Tegel gestartetes Flugzeug, das über die Fassaden der benachbarten Hochhäuser steigt. «Hier kann man die Natur entdecken», schwärmt er. Sein Walnussbaum habe letztes Jahr über 100 Kilo Früchte getragen.

Die Anlage ist auch Treffpunkt. Bei der Fußball-EM habe man die Spiele «immer mit mindestens 40 Mann» im Vereinshaus geguckt. Und auch sonst werde viel gefeiert und gegrillt, erzählt Krause.

Seine Nachbarin Monika Wegner freut sich, dass auch die jüngere Generation die Kleingärten mehr und mehr entdeckt. «Das bringt Leben in die Bude», sagt sie. Häufig kämen auch ihre drei Enkel zu Besuch. Auch die nutzten das Areal, um der Großstadt zu entkommen. «Dann pumpe ich den kleinen Swimmingpool auf und die können toben», sagt sie.

Schlager, Gartenzwerge und Bobbycars

Gartenzwerge, Zäune, schmale Wege, eng gedruckte Satzungen und aus geöffneten Fenstern klingende Schlagermelodien wirken offenbar nicht abschreckend. Denn mittlerweile gibt es in der Kolonie auch wilde Kräutergärten, schick bemalte Häuschen und Bobbycars. «Auf der Warteliste stehen für unsere 82 Parzellen 30 Leute», sagt Klaus Kunde, Vorsitzender des Vereins Wiesengrund. Es komme allerdings selten vor, dass da mal einer nachrücke. Denn die meisten Leute behielten ihre Parzelle bis zum Tod. Daher liegt der Altersdurchschnitt immer noch - auch bundesweit - bei 60 Jahren.

Bewerber können ihre Chancen vergrößern. «Wer angibt, einen höheren Abstand bezahlen zu wollen, wird bevorzugt behandelt», sagt Kunde. Höherer Abstand - das bedeute um die 10.000 Euro. Neulinge dürfen also nicht ganz unvermögend sein. Denn monatlich müssen für Pacht, Wasser, Strom und Saatgut noch mal rund 100 Euro eingerechnet werden.

Ob es die Anlage über 2014 hinaus geben wird, ist ungewiss. «Der Bestandsschutz läuft nur bis dahin», sagt Kunde. Der klamme Berliner Senat habe noch nicht geklärt, wie es danach mit den Gärten weitergehen solle. Im nächsten Jahr werde eine Entscheidung erwartet.






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