Wer Latein lesen und lernen will, muss sich längst nicht mehr durch angestaubte alte Bücher wühlen: Viele Texte und Lernhilfen gibt es modern aufbereitet im Internet, dazu reichlich Ungewöhnliches und Aktuelles. So veröffentlicht Radio Bremen auf seiner Internetseite aktuelle Monatsrückblicke auf Latein, die HipHop-Band Ista präsentiert sogar ihre Songs in lateinischer Sprache. Auf ihrer Homepage stellt die Gruppe fest: «Latein ist hip». Das beweist nicht zuletzt auch die stetig steigende Zahl von Latein-Schülern in Deutschland.
So erhielten im Schuljar 2006/2007 rund 9 Prozent aller Schüler Latein-Unterricht, wie das Statistische Bundesamt berichtete. Zwar waren dies weiterhin deutlich weniger als in Englisch (80 Prozent) und Französisch (19 Prozent), doch der Trend ging bei den Latein-Schülern weit stärker aufwärts - um 30,7 Prozent seit dem Schuljahr 2000/2001. Die Zahlen für das gerade abgelaufene Schuljahr liegen noch nicht vor.
Für die wachsende Beliebtheit des Faches sehen Experten verschiedene Gründe - einer der wichtigsten ist die positive Entwicklung der Lehrmethoden und -bücher. «Die Unterschiede zwischen einem Englischbuch und einem Lateinbuch sind nicht mehr sehr groß», sagt der Vorsitzende des Altphilologenverbandes, Stefan Kipf. Auch in Lateinbüchern gebe es inzwischen abwechslungsreichere Themen, die näher an der Vorstellungswelt der Schüler seien als früher. «Es beginnt beispielsweise mit Themen aus dem römischen Alltag.»
Lateinbücher sind ansprechender geworden
Auch der Mönchengladbacher Lateinlehrer Walfried Schubert, der für die Internetseite prolatein.de verantwortlich zeichnet, findet heutige Lateinbücher weit ansprechender als frühere Exemplare. «Da gibt es beispielsweise eine Lektion zum Circus Maximus, zum Colosseum - und alles reich bebildert», lobt er. Die Übungen motivierten die Schüler heute auf ganz andere Weise. «Das setzt natürlich auch Leistungsbereitschaft voraus», betont der Pädagoge: «Aber im Gesamtbild ist das Lernen effektiver geworden, und für viele sicher auch leichter.»
Schubert setzt in dem altehrwürdigen Fach gern auf die neuen Medien: Auf seiner Internetseite finden sich entsprechend auch lateinische Kreuzworträtsel und Multiple-Choice-Aufgaben. Selbst Spiele wie «Römer-Werfen mit Obelix» sind verlinkt: Letztere dürften freilich weniger die Sprachkenntnisse der Schüler erweitern als vielmehr allgemein ihr Interesse an den Themen der Antike und der Epoche stärken.
Ein weiterer Aspekt ist die geänderte Sicht der Eltern, wie Kipf betont. Für diese gewinne Latein zusätzliche Attraktivität durch seinen Ruf als allgemeinbildendes Fach, das auch der Reflexion diene: Schüler eigneten sich eine Sprache systematisch an und erhielten gleichzeitig «ein Grundlagenwissen über die europäische Kultur». Kipf verwies auch auf Kinder mit Migrationshintergrund, die häufig erfolgreich Latein lernten und sich so mit dem systematischen Erlernen einer Sprache befassten.
Latein sei nicht mehr das «Auslesefach», als das es früher oft verstanden worden sei - nicht mehr der entscheidende Prüfstein auf dem Gymnasium, sagte Kipf. «Für Lateiner ist die Geschichte ihres Faches seit den 50er Jahren im Grunde eine stetige Geschichte des Zurückdrängens.» Mancher habe sich wohl nur schwer daran gewöhnt, «dass Latein ein Fach ist, für das man sich entscheiden kann - das man aber auch abwählen kann». Offensichtlich hat aber nicht zuletzt der Wettbewerb um das Interesse der Schüler für frischere Inhalte und neue Ideen gesorgt.
Besonders viele Schüler entscheiden sich in Bayern für Latein - immerhin 47 Prozent der Gymnasiasten waren es im Schuljahr 2006/2007. Michael Hotz, Fachreferent für Latein am bayerischen Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung, bestätigt die These vom Umdenken der Eltern. Immer mehr Mütter und Väter kämen zum Schluss, «dass Kinder mit Latein ein besseres Bildungsgerüst haben und systematisches Arbeiten lernen».
In den meisten Bundesländern sei zudem durch das achtjährige Gymnasium das Einsetzen der zweiten Fremdsprache auf die 6. Klasse vorgerutscht, betonte Hotz. Dies überzeuge mehr Kinder und Eltern von der Möglichkeit, bereits ab Klasse 5 Latein zu lernen. Dann hätten die Schüler in der Grundschule erstmals Englisch, auf dem Gymnasium ab der 5. Klasse zunächst nur Latein - und könnten schon ein Jahr später ihren Englisch-Unterricht fortsetzen.
Latein fördert Lesefähigkeit und Textverständnis
Dass Latein die Schüler tatsächlich über das Fach hinaus weiterbringt, hat der Kölner Forscher Wolfgang Dieter Lebek bereits vor einigen Jahren nachgewiesen. Seine Untersuchung zeigte: Studierende mit Latinum können Texte erheblich besser lesen und verstehen als ihre Kommilitonen ohne Latinum. Lebek hatte das Leseverständnis der Studierenden anhand von neun deutschsprachigen Texten überprüft und festgestellt, dass nur ein Viertel aller Probanden alle Texte richtig verstand. Unter den Teilnehmern mit Latinum verstand immerhin ein Drittel alle Texte.
Der Mönchengladbacher Lehrer Schubert sieht darüber hinaus einen weiteren praktischen Nutzen für Latein-Schüler. Denn das Latinum später an der Universität nachträglich zu erwerben, sei «extrem zeitaufwändig», betont der Pädagoge, der auch Lehrbeauftragter an der Uni Düsseldorf ist. Wer ein Fach studieren wolle, für das man das Latinum benötige, tue weit besser daran, es gleich in der Schule zu erwerben. «Das macht das Leben viel leichter.»
