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07. August 2008
«Ich halte das weitgehend für Symbolpolitik»


Frankfurt - Der Bildungsforscher Klaus Klemm ist für mehr Eigenverantwortung der Schulen. Wichtige Dinge sollten allerdings zentral auf Bundesebene geregelt werden, sagte der frühere Inhaber des Lehrstuhls für Bildungsforschung und Bildungsplanung an der Universität Duisburg-Essen der Nachrichtenagentur AP. Nachfolgend das Interview im Wortlaut:

AP: Seit dem Pisa-Schock hat sich bei der Schulpolitik einiges getan. Halten Sie die eingeleiteten Schritte für richtig?

Klemm: Es sind auf jeden Fall sinnvolle Schritte - ob sie auch ausreichend sind, ist eine andere Frage. Vernünftig finde ich die Vorverlegung des Einschulungsalters, den Ausbau des vorschulischen Bereichs mit Sprachstandsfestellung und Sprachförderung, die forcierte Ausweitung der Ganztagsschulangebote und die schullaufbahnbegleitende Lernstandserhebung.

Für problematisch halte ich die zentralen Abschlussprüfungen - vor allem in der Kopplung mit der Verkürzung der Schulzeit -, das Fehlen von Strukturreformen und die Stagnation bei den Bildungsausgaben. Wenn man die moderaten Steigerungen der absoluten Bildungsausgaben um die Inflation korrigiert, haben wir sogar einen leichten Rückgang.

AP: Welche Erwartungen haben Sie an den von Bundeskanzlerin Angela Merkel angekündigten Bildungsgipfel im Oktober?

Klemm: Ich halte das weitgehend für Symbolpolitik. Die Regierungsparteien im Bund, die jetzt in Gestalt von Merkel und Bundesbildungsministerin Annette Schavan ein stärkeres Engagement des Bundes in der Bildungspolitik ankündigen, haben selbst erst vor kurzem bei der Föderalismusreform die Kompetenzen des Bundes weiter gestutzt und die der Länder gestärkt.

Ich weiß nicht, worüber die auf Bundesebene so diskutieren wollen, dass hinterher Maßnahmen folgen - denn die Maßnahmen können sie nicht machen, weil sie nicht zuständig sind. Schavan, die als Ministerin in Baden-Württemberg die Speerspitze des Föderalismus war, predigt auf einmal die Bundeskompetenz - das ist schon sehr erstaunlich.

AP: Wäre denn bei der Bildungspolitik generell mehr Zentralismus wünschenswert?

Klemm: Ich halte die Polarisierung Zentralismus - Dezentralismus für etwas schwierig. Einige Dinge müssten zentral geregelt sein, aber ich glaube nicht, dass es generell zu Verbesserungen führen würde, wenn wir anstelle der 16 Kultusminister einen Bundeskultusminister hätten, der für die Schulen von München bis Kiel und von Dresden bis Saarbrücken zuständig wäre. Die Nähe zu den betroffenen Einrichtungen hat auch Vorteile.

In Frankreich, wo alles zentral von Paris geregelt wird, klagen sie über den Zentralismus und wünschen sich mehr Regionalismus. Ich denke, die Polarisierung ist falsch - man müsste sich darauf einigen, welche wichtigen Dinge zentral geregelt werden.

AP: Und welche Bereiche wären das?

Klemm: Ein aktuelles Beispiel wäre die Lehrerbesoldung. Momentan wirbt Hessen mit Plakaten Lehrer aus anderen Bundesländern ab, indem man ihnen Konditionen bietet, die die anderen Länder nicht bieten können oder wollen. Ich halte es für unglaublich, dass Lehrer abgeworben werden, die dann in anderen Ländern fehlen, weil Hessen ihnen etwas mehr bezahlt oder sie etwas schneller verbeamtet. Es kann nicht sein, dass wir in einer Situation, in der in manchen Bereichen bereits Lehrer fehlen, einen bundesweiten Wettlauf um Lehrer bekommen. Das geht auch zulasten der Schüler, deren Lehrer weggehen.

AP: Was halten Sie von mehr Eigenverantwortung für Schulen?

Klemm: Generell bin ich der Meinung, dass unser Schulsystem viel zu dirigistisch von den jeweiligen Ministerien gesteuert wird. Es gibt Dinge, die können die Schulen vor Ort viel besser regeln als ein fernes Kultusministerium. Die generelle Entwicklung hin zu einer größeren Selbstständigkeit der Schulen halte ich für sinnvoll. Man muss sich aber zugleich klarmachen, dass man dann in irgendeiner Weise die externe Kontrolle verstärken muss, die schaut, ob die Leistungen stimmen, die in der Schule erbracht werden.

AP: Wie steht es mit den nötigen Reformen bei der Lehrerausbildung?

Klemme: Zunächst mal haben wir bei der Umstellung auf Bachelor- und Master-Studiengänge im Moment ein ziemliches Chaos, weil die Länder unterschiedlich weit sind und unterschiedliche Modelle haben. Die BA- und MA-Lehrerbildung in Rheinland-Pfalz ist ganz anders als die, die in Nordrhein-Westfalen kommen wird. Ich finde es eher problematisch, dass es zu sehr vielen landesspezifischen Regelungen mit solchen Ausdifferenzierungen kommt.

Das zweite Problem: Wir wissen bisher noch nicht, wie diese Reformen wirken und was dann nach dem Bachelor passiert. Generell wollen die Hochschulen möglichst wenig Studenten aus dem BA in den MA nehmen, um leistungsstarke kleine Gruppen zu haben. Wenn sie das bei der Lehrerbildung auch machen, dann steigt der Lehrermangel ins Unermessliche.

Und das dritte Problem: Wir wissen im Augenblick nicht mehr, wie viele Studenten ein Lehramtsstudium angefangen haben, weil sie sich oft in BA-Studiengänge eintragen und nicht mehr in Lehramtsstudiengänge. Wir können also noch schlechter als früher eine Prognose dazu erstellen, wie groß das Lehrerangebot in vier, fünf, sechs oder mehr Jahren sein wird.








 
 



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