Sie heißt Merilee Monroe, ist 13 Jahre alt, lebt in Jumbo und ist irgendwie anders. Als Säugling lehrte sie mit ihrem Schreien alle das Fürchten, als Kleinkind verschreckte sie ihre Umwelt mit Genieanwandlungen und nun, als Fast-Teenager, fristet sie in der miefigen texanischen Kleinstadt ein Leben als Außenseiterin. Merilee ist Hauptfigur und Ich-Erzählerin im ersten Roman von Suzanne Crowley.
Die amerikanische Autorin lässt ihre Erzählerin - die laut Klappentext an einer leichten Form des Autismus leidet - eloquent und sehr weise von ihrem Alltag zwischen Landstraße und Bahndamm berichten. Dadurch zerstört sie das Bild, das sie von ihrer Heldin zeichnen möchte. Denn diese stellt sie dar als ein leicht behindertes Mädchen, das Probleme hat, Kontakte zu anderen Menschen zu knüpfen, unter Kontrollzwang leidet, neurotische Symptome zeigt und motorisch so eingeschränkt ist, dass sie ein Fahrrad mit drei Rädern benötigt. Als Berichterstatterin und Quasi-Chronistin der Vorgänge in und um Jumbo erweist sich Merilee allerdings als sehr wortgewandte, extrovertierte und vor allem normale Person.
Als Biswick mit seinem dichtenden Vater auftaucht und sich wie eine Klette an Merilee hängt, reagiert diese abweisend. Der geistig zurückgebliebene Achtjährige bringt mit seiner penetranten Fragerei und der Angewohnheit, immer dort aufzutauchen, wo man ihn gerade weder erwartet noch erwünscht, Merilees Alltag durcheinander. Denn der macht ihr besonders zu schaffen: Merilee führt ein SGD, ein «sehr geregeltes Dasein», von dem sie kaum einmal abweicht. Als zudem die resolute Veraleen auftaucht, eine ehemalige Hebamme mit dubioser Vergangenheit, normalisiert sich plötzlich Merilees Gefühlsleben.
Die Geschichte wartet weder mit spannenden Momenten noch einer überraschenden Wendung auf und leidet vor allem unter der unüberzeugenden Hauptfigur. Denn jemand, der wie Merilee einsichtig seine emotionalen Probleme realisiert und die eigene Unfähigkeit beklagt, tiefe Bindungen einzugehen, hat wohl kaum eine leichte Form des Autismus, die ein hirngeschädigter Junge heilen kann. (Anke Breitmaier)
