Sie heißen Gustav, Veronika, Dominik, Kathrin, Juliane und Paul. Sie suchen sich, manchmal finden sie sich, aber letztlich bleiben sie entsetzlich einsame Menschen im Erstling von Christian Zehnder «Gustavs Traum». Ein beklemmendes Buch.
Veronika belauscht Gustav, als er seiner Mutter mitteilt, er wolle nicht Restaurator werden und in die Fußstapfen seines Vaters treten. Weder seine Finger noch sein Geist scheinen geeignet. Überhaupt scheint er erhebliche Schwierigkeiten zu haben, in der heutigen, schnelllebigen Welt zurechtzukommen. Veronika wird seine Frau, auch sie lebensfremd. Das verstört ihren Sohn Dominik, der seinerseits mühsam seinen Weg suchen muss.
Es gibt auch mal ländliche Idyllen im Leben der jungen Familie: Gustav lässt einen Drachen steigen, Dominik schießt mit einem Pfeilbogen, und Veronika erzählt Geschichten aus einem Buch. Aber der Drachen verheddert sich in einer Baumkrone, die Pfeile sind verschossen, und Gustav wirft Veronika vor, ihre Geschichten zu erfinden.
Die drei sind oft allein unterwegs. Dominik, im Kindergartenalter, wandert durch die Stadt. Das Kind weiß nicht, wo es wohnt, zu häufig sind die Umzüge. In Gustavs Elternhaus liebt er den Garten, Mutters Eltern wohnen mitten in der Stadt. Sie kümmern sich um den Enkel, hier lernt er die Aufmerksamkeit kennen, die ihm die Mutter vorenthält.
Das Kind wurde in Melancholie geboren, hat schon die Hebamme gesagt, und Veronika mahnt, Dominik merke, wenn die Eltern nicht fröhlich seien. Aber wie sollten sie auch? Veronika kann niemandem ihre Enttäuschungen erzählen, Gustav schleicht allein durch die Gassen. Wenn die Eltern sich küssen, möchte der Junge das Bild festhalten.
Dominik sucht Anschluss an seine Mitschülerin Kathrin, sucht Anerkennung im Fußballspiel, wird Kaffeehaus-Gänger. Nachdem Gustav gestorben ist, entfremdet er sich auch von Veronika. Auf einer Wanderung verirrt er sich und gelangt schließlich zur Sandstein-Villa, wo Juliane mit ihrem Vater lebt. Sie hat ihre Mutter verloren, die sich in einer Depression über eine Klippe gestürzt hat. Die beiden jungen Menschen nähern sich an, suchen sich schüchtern, finden scheue, verhaltene Liebe, sogar eine Art von Alltag und entfernen sich wieder.
Sie finden Dominiks Mutter mit Hilfe von Paul und seinem Esel, der Vater von Juliane und die Jugendfreundin Kathrin gesellen sich dazu - alles mitten in einer großen Stadt, wo jeder wieder einsam bleibt.
Der Autor dieses Büchleins ist erst 25 Jahre alt, und er zeigt zweifelsohne ein gewisses Talent. Warum nur muss er aber eine so abgrundtief traurige Geschichte schreiben über eine Familie und deren Freunde, die alle verloren, einsam, jeder für sich orientierungslos durchs Leben torkeln? Die Geschichte strahlt eine unglaublich sumpfige Melancholie aus, das zu schaffen ist zwar auch eine Kunst. Aber ein bisschen Heiterkeit und auch eine stringentere Erzählweise würde man sich als Leser schon wünschen. (Sonja Kolb)
