Wer beim Lesen einen langen Atem hat und bibliophiles Durchhaltevermögen aufbringt, für den ist Josh Emmons" umfangreicher Erstling ein literarisches Kleinod. Denn «Leon Meed beschließt zu gehen» ist nicht nur ein facettenreicher Roman über Freud und Leid einer Reihe von durchschnittlichen Menschen aus dem heutigen Amerika, sondern auch eine Geschichte mit vielen leisen Untertönen und einem ganzen Arsenal an guten Botschaften.
Eine davon lautet, dass alle Menschen irgendwie miteinander verbunden sind, eine andere, dass es eine höhere Macht im Leben gibt und eine weitere, dass dieses Leben wertvoll ist, auch wenn es uns allzu oft Kummer und Sorgen beschert.
Erst nach und nach offenbart sich das verbindende Element zwischen den kleinen und großen Geschichten: Das ist einmal die kalifornische Kleinstadt Eureka und dann Leon Meed. Er «erscheint» allen Hauptfiguren. Mal taucht er im Badezimmer der resoluten Sadie auf, dann platzt er in die Schultheaterprobe der Lehrerin Elaine, um wenig später unvermittelt auf der Straße vor Joon-Sups Auto zu stehen oder neben dem Schläger Shane an der Bar zu sitzen.
Er weiß selbst nicht, wie es zu diesen Begegnungen kommt, eigentlich lebt Meed nach dem Unfalltod seiner Frau und seiner Tochter völlig vereinsamt und ohne Kontakt zur Außenwelt. Wo er auftaucht, um sogleich wieder zu verschwinden, löst er etwas aus. Nicht unmittelbar, sondern im Laufe der Zeit.
Der eine hält Meeds Erscheinung für ein Zeichen, der andere glaubt an eine Offenbarung, für die eine ist Meed ein Engel, die andere befürchtet, sie sei psychisch krank. Alle suchen eine Erklärung, alle möchten das Irrationale irgendwie interpretieren. Dabei hat Meeds übersinnliche Tour durch die Lebenswelten anderer mehr mit ihm selbst zu tun: Sein Unterbewusstsein zwingt ihn dazu sich der Realität zu stellen und endlich den Tod seiner Familie zu akzeptieren, indem er an die Orte «gebeamt» wird, mit denen eine Erinnerung an Frau und Tochter verbunden ist.
Auch wenn der 35-jährige Autor seine Hauptfigur als Zentrum des Geschehens ein wenig überfordert und die «Auflösung» gegen Ende nicht recht überzeugt, ist sein Roman ein großes Lesevergnügen. (Anke Breitmaier)
