Die Sonne strahlt an diesem Dienstagvormittag in den Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums in Berlin. Gleich werden vier Cellisten zum Auftakt der Feierstunde vor rund 400 Gästen, unter ihnen Bundespräsident Horst Köhler und Innenminister Wolfgang Schäuble, Händel musizieren. Kamerateams scharen sich um Uwe Seeler und Rosi-Mittermaier-Neureuther, die stolz vor ihren Porträts posieren. Die beiden zählen zu den 40 Persönlichkeiten, die für die «Hall of Fame des deutschen Sports» ausgewählt wurden.
Dass über der Gründungszeremonie der Ruhmeshalle trotz der glänzenden Rahmenbedingungen ein Schatten lag, hat mit der Auswahl ihrer Mitglieder zu tun. Kritiker monierten, dass mehrere der Auserwählten Mitglied der NSDAP oder Repräsentanten des Hitler-Regimes gewesen seien - wie etwa Funktionär Willi Daume, Läufer Rudolf Harbig, Radfahrer Gustav Kilian, Trainer Sepp Herberger oder Reiter Josef Neckermann. Wie könnten sie auf diese Art geehrt werden, lautete die Frage.
«Hall of Fame», nicht «Ruhmeshalle»
Der Aufsichtsratschef der Deutschen Sporthilfe, Hans Wilhelm Gäb, konterte die Angriffe. Wer die mehr als 100-jährige Historie des deutschen Sports «im kollektiven Gedächtnis unseres Landes» bewahren wolle, müsse sich auch der Zeit der Nazi-Diktatur stellen. «Diese Geschichte wird uns niemals loslassen.» Es sei nicht darum gegangen, nur Widerstandskämpfer zu ehren. «Wir wollten an die Geschichte des deutschen Sports erinnern, und uns war klar, dass wir damit auch Emotionen wecken.»
Um überhaupt erst gar nicht Verbindungen zu Nazi-Vokabular herstellen zu lassen, habe man auch davon abgesehen, die neue Einrichtung «Ruhmeshalle» zu nennen, sondern eben «Hall of Fame», sagte Gäb.
Es gab auch Vorwürfe, dass - mit Ausnahme des Schwimmers Roland Matthes - DDR-Sportler aus ideologischen Gründen keine Beachtung gefunden hätten. Die Jury habe die Aufgabe gehabt, 29 Mitglieder posthum zu wählen, sagte Gäb. «Die großen, alle noch lebenden Athleten der ehemaligen DDR standen also noch gar nicht zur Wahl.» Die anderen elf - von denen noch acht leben - waren schon vorher gewählt worden.
Die Gebrochenheit der deutschen Geschichte
Der Berliner Geschichtsprofessor Thomas Mergel meinte, es gebe in der Ruhmeshalle aber auch Persönlichkeiten wie den Ringer und NS-Widerstandskämpfer Werner Seelenbinder oder den jüdischen Rekord-Schachweltmeister Emanuel Lasker, der vor den Nazis fliehen musste. Die Zusammensetzung der Mitglieder spiegele «die Gebrochenheit und Widersprüchlichkeit deutscher Geschichte».
Die Debatte über die Mitglieder der Ruhmeshalle erzürnte denn auch Hans Günter Winkler, ein ebenfalls Erwählter. Der Sport sei viel zu schön, um im kleinen Gezänk unterzugehen, rief der weltweit erfolgreichste ehemalige Springreiter unter dem Beifall des Publikums.
Forum für die großen Sportler
Der Vorstandsvorsitzenden der Stiftung Deutsche Sporthilfe, Ann-Kathrin Linsenhoff, war es vorbehalten, noch einmal auf die Funktion der «Hall of Fame» aufmerksam zu machen. Damit solle die Geschichte des deutschen Sports lebendig gehalten werden. Es solle ein Forum geschaffen werden «für die großen Sportlerinnen und Sportler unseres Landes, für Persönlichkeiten im Sport auch im ehrenamtlichen Bereich».
Frauen sind nur wenige dabei - mit Ski-Ass Rosi Mittermaier-Neureuther, Leichtathletin Ingrid Mickler-Becker und Tennisstar Cilly Aussem gerade einmal drei. Mittermaier-Neureuther ließ sich den Spaß aber nicht nehmen. «Fairplay ist noch wichtiger als Ruhm. Das zeichnet den Sport aus», meinte sie.
Seeler nickte und sagte: «Wenn man Tradition erleben will, muss man das auch zeigen.» Franz Beckenbauer, ebenfalls Mitglied der Ruhmeshalle, hätte sicherlich auch gerne etwas gesagt, konnte aber nicht kommen. Er weilte in Siena, wo er vom italienschen Fußballverband für sein Lebenswerk geehrt wurde.
Künftig will die von der Stiftung Deutsche Sporthilfe benannte Jury jährlich drei neue Mitglieder nominieren. Die Ruhmeshalle bleibt aber erst einmal virtuell. Für das kommende Jahr ist jedoch eine Wanderausstellung geplant.
