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06. Oktober 2008
Medikamentenschrank der Natur


Calbe - Der feine Staub dringt durch jedes Knopfloch. Die Mitarbeiter, die in der Halle im Bördedorf Üllnitz Steine und Erdklumpen aus den getrockneten Digitalispflanzen sortieren oder während des Abpackens neben der Presse wachen, tragen einen Mundschutz. Denn dieser Staub setzt sich nicht nur einfach in der Nase fest und bedeckt die Zunge mit einem feinen Film, sondern wirkt auch ausgesprochen ermüdend. Er enthält den Wirkstoff Digoxin, aus dem Herzmedikamente hergestellt werden. Die 90 bis 100 Kilo schweren Ballen mit den getrockneten Digitalisblättern, die die Presse verlassen, werden an die Pharmafirmen Roche und Behringer sowie nach Holland geliefert.

Die Agrargenossenschaft Calbe/Saale ist der einzige Anbauer des wolligen Fingerhuts in Deutschland. Die Tradition des Arzneimittelanbaus ist hier beinahe 40 Jahre alt. Begonnen hat alles 1970 unter dem damaligen LPG-Vorsitzenden Horst Schröder. Der hatte in Bernburg einen Lehrstuhl für Arznei- und Gewürzpflanzen und brachte unter anderem den wolligen Fingerhut mit nach Calbe. Damals war der Anbau noch reine Handarbeit. Die Pflanze wurde mit Messern geschnitten, auf Hänger geladen, fermentiert und in Trommelöfen getrocknet. Mit dem Produkt wurde das Arzneimittelwerk in Dresden beliefert.

Der einzige Großanbauer in der DDR übernahm später die Sorte Radilan. «Nach der Wende hat unser Professor im Westen Klinken geputzt», erzählt der Vorstandsvorsitzende Hansjoachim Gerber. Erfolgreich machte er klar, dass Calbe mit seinem guten Boden, dem geringen Niederschlag und den milden Temperaturen der ideale Anbauort für die anspruchsvolle Arzneimittelpflanze ist. Was die Pharmaindustrie überzeugte: Digitalis aus Calbe verfügt über einen überdurchschnittlichen Gehalt an Digoxin.

Produktion auf bis zu 80 Hektar gestiegen

Auf dem Feld frisst sich die Erntemaschine durch die grünen Reihen. Die Produktion ist nach der Wende von circa 30 auf bis zu 80 Hektar im Jahr gestiegen. Wieviel Fingerhut auf den Feldern der Agrargenossenschaft genau gesät wird, wird Jahr für Jahr mit den Abnehmern abgesprochen. Es handelt sich um einen reinen Vertragsanbau.

Die Erntemaschine erleichtert die Arbeit gewaltig. «Aber das Unkraut wird ausschließlich eisenhaltig bekämpft», sagt Gerber augenzwinkernd und fügt erklärend hinzu: «mit der Hacke.» Auch beim Trocknen ist Handarbeit gefragt. In einer riesigen Halle liegen einen Meter hoch die spinatähnlichen Blätter. Blüten tragen sie keine, denn die sind nicht gefragt.

Im Gegenteil: «Mit dem Schieben der Blüten verlieren die Blätter an Digoxin», erklärt Axel Karlstedt. Der Leiter der Gewürz- und Heilpflanzenproduktion in der Agrargenossenschaft erklärt, dass der Fingerhut deshalb im ersten Jahr geerntet wird - ein Jahr, bevor er blühen würde.

Mehrere Männer sind damit beschäftigt, die Pflanzenberge mit der Forke umzuschichten. «Die Lufttrocknung ist milder als die im Ofen, die wir früher praktiziert haben», erläutert Karlstedt. Sie dauert sechs bis sieben Tage, ist eine Knochenarbeit, aber sie wirkt sich gut auf die Qualität aus. Nach der Woche Trocknung verfügen die Blätter noch über eine geringe Restfeuchte. Sie werden in die Halle in Üllnitz gefahren, zerkleinert und abgepackt. Der Rest geschieht in den Labors der Pharmahersteller. Die getrockneten und zerkleinerten Blätter werden fermentiert und extrahiert. Am Ende entsteht ein weißes Kristallisat, das den Wirkstoff Digoxin erhält.

Die Agrargenossenschaft in Calbe kann den Bedarf des deutschen und einen Teil des europäischen Marktes mit Digitalis befriedigen. Wohin ihr Fingerhutextrakt exportiert wird, wissen die Calbenser nicht. «Die Pharmaindustrie behandelt das vertraulich», verrät Hansjoachim Gerber. Neben dem Fingerhut bauen die Calbenser noch einige andere Sonderkulturen an. Thymian etwa, Fenchel oder Majoran.








 
 



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