Der 19. August 2003 ist der 11. September der Vereinten Nationen: Ein Selbstmordattentäter sprengte damals die kaum gesicherte UN-Vertretung in Bagdad in die Luft. 22 UN-Mitarbeiter wurden getötet, 150 verletzt. Der Anschlag war eine Zäsur. Seither wissen alle Hilfsorganisationen, dass auch sie jederzeit Ziel von Extremisten werden können. Auch für deutsche Organisationen ist die Arbeit in Afghanistan, Somalia oder Darfur zuletzt immer gefährlicher geworden.
«Die Sicherheitslage in Afghanistan hat sich zuletzt immer weiter verschlechtert», sagt die Sprecherin der Welthungerhilfe, Marion Aberle. Die Vorsichtsmaßnahmen wurden deutlich erhöht. Vor Ort gibt es inzwischen tägliche Sicherheitsbesprechungen, die Einsatzvorschriften wurden verschärft, alle Fahrzeuge wurden mit Funkgeräten ausgestattet und müssen nunmehr außerhalb Kabuls immer mindestens zu zweit fahren, wie der Regionalgruppenleiter Zentralasien, Theo Riedke, erklärt. Die Welthungerhilfe ist nach eigenen Angaben mit 500 afghanischen und zwölf internationalen Mitarbeitern die größte deutsche Nichtregierungsorganisation (NGO) am Hindukusch.
Auch im Norden Afghanistans, wo die Bundeswehr stationiert ist, wird die Lage immer kritischer. «Es gibt vier Distrikte um Kundus, in die auch unsere nationalen Mitarbeiter nicht mehr ungefährdet fahren können», sagt Riedke, der bis 2007 selbst drei Jahre in Afghanistan gearbeitet hat. Vor gut einem Jahr wurden dort ein deutscher Ingenieur und ein afghanischer Kollege der Welthungerhilfe getötet. «Wir haben das Programm daraufhin deutlich reduziert.» Man sei dazu übergegangen, kleinere Projekte durchzuführen, «ganz nah an der Bevölkerung», sagt Riedke.
NGOs werden nicht mehr als unparteiisch gesehen
«Das wichtigste ist es, nie und nirgends zusammen mit dem Militär aufzutreten», sagt Riedke. Dahinter steckt für die Hilfsorganisationen vor allem in Afghanistan ein großes Problem, denn die NATO-Soldaten betreiben über ihre Provinzwiederaufbauteams (PRT) eigene Hilfsprojekte. Damit droht jedoch die notwendige Voraussetzung für die Arbeit der Hilfsorganisationen ausgehöhlt zu werden - die Anerkennung ihrer unparteilichen Rolle. Riedke hält die PRTs daher für eine «mittlere Katastrophe».
Anschläge, Überfälle und Entführungen nehmen zu. Die Helfer werden zur Zielscheibe. Mitte Juli wurden zwei französische NGO-Mitarbeiterinnen nachts gezielt aus ihrem Haus entführt, zwei Wochen später kamen sie nach intensiven Verhandlungen wieder frei. Ein Japaner wurde im August entführt und getötet, Mitte August kamen drei Mitarbeiterinnen des International Rescue Committees (IRC) und ihr afghanischer Fahrer ums Leben.
Das gemeinsame Sicherheitsbüro der Hilfsorganisationen in Afghanistan (ANSO) meldete bereits im ersten Quartal 2008 infolge von Angriffen seitens bewaffneter Oppositionsgruppen neun Tote, ebenso viele Verletzte und zwölf entführte NGO-Mitarbeiter. Als einen der Gründe nennt ANSO die «teilweise Erosion des Respekts vor der Neutralität der NGOs» und befürchtet, dass die Zunahme der Gewalt weiter anhalten wird.
Gezielte Angriffe im Bürgerkriegsland Somalia
Im bürgerkriegsgeplagten Somalia haben die meisten Hilfsorganisationen längst alle ausländischen Mitarbeiter abgezogen. «Sie sind dezidiert zur Zielscheibe geworden. Es ist einfach zu gefährlich geworden», sagt der Sprecher der Diakonie Katastrophenhilfe, Rainer Lang. Im Juli wurde dann der stellvertretende Direktor einer Partnerorganisation der Diakonie am Horn von Afrika getötet. «Es scheint, dass Mitarbeiter gezielt angegriffen werden, um die Verhältnisse zu destabilisieren», vermutet Lang. Und das obwohl sich in dem Land nach Ansicht der UN eine der größten humanitären Tragödien der Welt abspielt. Etwa 40 Prozent der rund acht Millionen Somalier sollen auf Hilfe angewiesen sein.
Präsenter ist der Welt der Konflikt in der sudanesischen Krisenregion Darfur. Zuletzt setzte die Welthungerhilfe ihre Arbeit wegen akuter Lebensgefahr für ihre Mitarbeiter dort aus. «Das Risiko ist zu groß geworden», hieß es Ende August. 450.000 Opfer des Bürgerkriegs könnten daher nicht mehr versorgt werden. Die Gespräche mit den lokalen Machthabern um eine sichere Wiederaufnahme laufen derzeit noch. Dabei hofft die Welthungerhilfe auf Unterstützung vom Welternährungsprogramm (WFP), das inzwischen die Einstellung aller Hilfslieferungen in das Gebiet androhte.
Die Organisationen stecken in einem Dilemma: Sie müssen sich besser schützen, doch dürfen sie nicht militarisiert erscheinen oder von Soldaten geschützt werden, denn sonst werden sie noch stärker zum Ziel von Angriffen. Und je weniger die Hilfsorganisationen leisten können, desto mehr Armut und Frust kommt auf, woraufhin Extremisten in den instabilen Ländern noch mehr Zulauf bekommen.
Die Vereinten Nationen haben die Lektion aus dem verheerenden Anschlag von Bagdad immer noch nicht gelernt, wie die Politikwissenschaftlerin Samantha Boxer der Universität Harvard meint. Bei einem Selbstmordanschlag von Al Kaida auf ein UN-Gebäude in der algerischen Hauptstadt Algier wurden im Dezember 17 UN-Mitarbeiter getötet, 40 weitere verletzt. Der nach Bagdad ernannte UN-Sicherheitschef David Veness trat daraufhin zurück.
Die Organisation habe sich immer noch zu sehr auf ihre vermeintliche Immunität verlassen, schrieb Power in der «New York Times». Doch in Zeiten fanatischer Terroristen böten auch die blaue UN-Flagge oder das Emblem des Roten Kreuzes keinen ausreichenden Schutz mehr.
