Dschingis Khan gilt nach herkömmlicher Meinung als jener unfassbar grausame Heerführer aus der mongolischen Steppe, der im finsteren Mittelalter drauf und dran war, mit seinen Reiterhorden Europa zu erobern. Der russische Regisseur Sergej Bodrow macht sich nun mit seinem am 7. August anlaufenden Epos «Der Mongole» daran, das katastrophale Image der einstigen «Geißel der Menschheit» zurechtzurücken. Sein Monumentalfilm ist der Beginn einer Trilogie und beschäftigt sich deshalb nur mit den Lehr- und Wanderjahren des Eroberers.
Und wer hätte das gedacht: Temudgin, so Dschingis" Geburtsname, hatte eine schlimme Kindheit. 1172 zieht der Neunjährige mit seinem Vater, einem Stammesführer, zu den Merkiten, um sich eine Braut auszusuchen und damit einen alten Konflikt zu beheben. Unterwegs schlägt das Schicksal zu, als die Truppe Station bei einem anderen Stamm macht und eine kesse Kleine den selbstbewussten Temudgin anspricht: «Heirate doch lieber mich!»
Temudgin tut, was Borte will, und die beiden werden einander versprochen. Auf dem Rückweg jedoch stirbt sein Vater, vergiftet von Angehörigen eines verfeindeten Stammes, mit denen er nach altem Brauch eine Schale Milch austauschte. Temudgin und seine Sippe werden unverzüglich von einem Krieger seines eigenen Stammes entmachtet und geplündert.
Lehr- und Wanderjahre eines Steppenmachos
Nur weil Temudgin ein Kind ist, wird er (noch) nicht getötet - so will es das Gesetz. Er wird ins Sklavenjoch gespannt, flieht, wird erneut gefangen, und heiratet dazwischen Borte, die ihm wieder geraubt wird als Rache für den einstigen Brautraub seines Vaters. Bis es Temudgin (gespielt vom japanischen Pop-Idol Tadanobu Asano) nach jahrelanger Gefangenschaft und Krieg gelingt, die nomadischen Stämme unter seinem eigenen Gesetz zu einigen, erlebt man eine unablässige Kette von blutigen Freundschaftsschwüren und ebenso blutigem Verrat.
Dschingis Kahn wird in der Mongolei als Gott verehrt, und Bodrow hat vor Drehbeginn gar einen Schamanen konsultiert. Doch historisch belegt - durch ein Versepos von 1227 - scheint lediglich, dass Temudgin mehrmals versklavt wurde, dass er Borte heiratete, sie nach ihrer Entführung zurückholte und ihr treu blieb, obwohl sie Kinder von anderen Männern hatte. Und da das stammesgesellschaftliche Hickhack allzu bekannten mafiösen Strukturen, Vendetta und Blutrache ähnelt, wird es vom Regisseur durch einen Kunstgriff veredelt. Er schreibt Borte eine zivilisierende Wirkung auf die Steppenmachos zu - obgleich der Kriegszug Temudgins einer Frau zuliebe an jenen dünnen Vorwand erinnerte, wegen dem einst die Griechen Troja eroberten.
Doch wo in gewohnter Hollywood-Manier die Weiblichkeit entweder herumjammert oder dämonisiert wird, wie es zuletzt im «Alexander»-Epos Angelina Jolie geschah, da zeigt sich Borte (Laiendarstellerin Khulan Chuluun) als wehrhafte Alphafrau, die weiß, was sie will, ohne groß Worte zu machen. Lediglich zu Beginn mault sie «Die Mongolen können nur töten und stehlen». Es wird gar angedeutet, dass sie sich prostituiert, um Temudgin aus dem Kerker zu befreien. Und die Liebe zu seiner Gefährtin, die von Temudgin entgegen der Tradition nicht wie ein Stück beschädigte Ware weggeworfen wird, erweist sich als roter Faden der Saga und verwandelt ihn vom «Warlord» zum Staatsmann.
Vom Warlord zum Staatsmann
Unsentimental und zugleich von inszenatorischer Sorgfalt geprägt, erinnert das Epos an den Stil sowjetischer Historiendramen, aber auch an lakonische Western. Zwar gibt es gewagte Handlungssprünge quer durch die mittelasiatische Geografie, doch die grandiosen Wüsteneien - gedreht an Originalschauplätzen - entwickeln einen mächtigen Sog.
Die deutsche Kostümbildnerin Karin Lohr hat mit pittoresk abgeschabter Lederbekleidung ebenfalls ganze Arbeit geleistet. Die Special Effects sind eher spärlich, wenn auch viel Blut spritzt; so haben die Schlachtengetümmel mit Hunderten Statisten einen ungewohnt handfesten Look. Und wo man sonst angesichts kurzatmiger Hollywood-Epen das Kino oft mit dem Bedürfnis nach einer Aspirintablette verlässt, ist man hier gespannt darauf, wie es weitergeht.
