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05. September 2008
Schnellste Verbindung vor der Erfindung des Telefons


Neuwegersleben - Unzählige Male ist Peter Fuchs als Kind mit dem Fahrrad an dem unscheinbaren grauen Gebäude am Ortseingang von Neuwegersleben vorbeigefahren. Erst Jahre später erfuhr er, was es mit dem seltsamen Bau in der Magdeburger Börde auf sich hat. Von 1833 bis 1849 war dort eine von 62 optischen Telegrafenstationen, die sich wie ein Band quer durch Deutschland zogen.

Von Berlin bis Koblenz verband die Königlich-Preußische Optische Telegrafenlinie Preußen mit seinen rheinischen Provinzen, die ihm vom Wiener Kongress zugeschlagen worden waren. Die Verbindung war unvergleichlich schneller als ein reitender Bote. Über sie wurden ausschließlich staatliche und militärische Nachrichten übermittelt. Fremdes Territorium wie Braunschweig musste überbrückt werden, ohne dass die Nachrichten abgefangen werden konnten.

Als Stationen nutzten die Preußen bereits vorhandene, gut aus der Ferne sichtbare Gebäude wie Kirchen in Berlin, Köln, Magdeburg oder Schlösser wie in Ampfurth. Wo es die nicht gab, wurden Funktionsgebäude wie das in Neuwegersleben errichtet. Auf dem Dach der Stationen thronte je ein Mast mit drei Flügelpaaren, die an die Arme einer Vogelscheuche erinnern und sich unabhängig voneinander in verschiedene Stellungen bringen ließen.

Die Preußen entwickelten einen Code, mit dem die Nachrichten von Station zu Station weitergegeben wurden. In jeder arbeiteten zwei Telegrafisten, die die Information von der Vorgängerstation mit dem Fernrohr ablasen und am eigenen Mast einstellten. «Auf diese Weise gelangte eine Depesche mit 30 Wörtern in anderthalb Stunden quer durch Deutschland», weiß Peter Fuchs. Der Code war nicht zu knacken, und nicht einmal das Gros der 200 Mitglieder des Telegrafencorps konnte ihn entschlüsseln. Nur in Berlin und Koblenz sowie später in Köln saßen Beamte, die die Verschlüsselung beherrschten.

Flügelmast nachgebaut

Als Peter Fuchs auf die Geschichte der Ruine aus dem 19. Jahrhundert aufmerksam wurde, stand das Häuschen in Neuwegersleben seit Jahren leer und verfiel immer mehr. Die Gemeinde hatte einen Abrissantrag gestellt. Dass dieser nicht ausgeführt wurde, verdankt die Station der Wende. Anfang der 90er Jahre entstand der Plan, das Häuschen zu rekonstruieren. Von Station Nummer 18 standen nur noch die Grundmauern. Baupläne gab es nicht mehr, aber zum Glück hatten die Preußen vieles haarklein in Dienstanweisungen dokumentiert.

Die Mitglieder der Interessengemeinschaft Königlich-Preußische Optische Telegrafie trugen in Sisyphos-Arbeit Informationen zusammen. In Ampfurth, ganz in der Nähe, fanden sie den einzigen erhaltenen Signalflügel deutschlandweit, den sie als Muster für den Nachbau ihres Flügelmastes nutzten. Als die Firma Mannesmann beim Aufbau ihres Mobilfunknetzes in Ostdeutschland auf die Historie aufmerksam wurde, leistete sie eine Anschubfinanzierung. Andere schlossen sich an, das Arbeitsamt finanzierte ABM-Kräfte, Firmen führten Arbeiten kostenlos aus. 1996 begann die Rekonstruktion. «Für mich war der schönste Moment, als ein Kran 1999 den Mast aufs Gebäude hob und sich nach 150 Jahren erstmals wieder etwas bewegte», erzählt Peter Fuchs.

Heute ist die Station in Neuwegersleben eine von dreien in Deutschland, die noch an die Telegrafenlinie erinnern. Eine weitere steht in Köln und ist nicht mehr funktionsfähig, eine dritte wurde komplett nachgebaut und befindet sich im Weserbergland. Vor allem im Westen gibt es noch mehrere Bauten, die aber nicht mehr genutzt werden und von denen nur noch Interessierte wissen, wozu sie einst dienten.

Der Verein in Neuwegersleben betreibt seine Station als Museum. Mit Schulen arbeitet Peter Fuchs besonders gern zusammen. «Es ist beeindruckend, wie unbefangen sich Kinder die alte Technik im Spiel erschließen», sagt Fuchs und erinnert sich an Projekttage mit Grundschulen. In diesen Tagen wird der 175. Geburtstag der Optischen Telegrafenlinie gefeiert.

Ihr letztes Stündlein schlug 1849. Zwischen Köln und Koblenz wurde noch drei Jahre länger auf das optische System gesetzt. Doch damals setzte sich immer mehr die elektromagnetische Telegrafie durch, die jedermann offenstand. Das Zeitalter des Telefons begann erst 1876, als Alexander Graham Bell das Patent auf die Erfindung erhielt.








 
 



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