Auch der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain will die Politik in Washington gründlich umkrempeln. Zwei Monate vor der Wahl griff der 72-Jährige in seiner Abschlussrede auf dem Nominierungsparteitag in St. Paul das Motto seines demokratischen Rivalen Barack Obama nach einem Politikwechsel auf und pries sich selbst als den besseren Reformer. In der umjubelten Rede am Donnerstagabend nahm McCain offiziell die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten an und begann damit den Schlussspurt im Rennen ums Weiße Haus.
Der Senator aus Arizona präsentierte sich den Delegierten als Reformer, Patriot und erfahrener Staatsmann und streckte die Hand zur Zusammenarbeit über die Parteigrenzen hinweg aus. Er richtete zugleich eine Kampfansage an die etablierte Politik: «Lasst mich schon vorab die alte Garde in Washington warnen, die für große Staatsausgaben ist, die nichts tut, die sich selbst an die allererste Stelle und das Land an die zweite Stelle setzt: Der Wechsel kommt.» Er werde die Dinge in Washington wieder in Ordnung bringen, wo die Politiker «nur für sich selbst und nicht für euch arbeiten».
Sein Rivale Obama hat McCain vorgeworfen, nur die Politik des derzeitigen republikanischen Amtsinhabers George W. Bush fortsetzen zu wollen. Der 47-jährige schwarze Senator aus Illinois nimmt für sich in Anspruch, nur er könne einen Politikwechsel in Washington herbeiführen. McCain bekundete in seiner Ansprache dem Demokraten Obama seinen Respekt. Trotz aller Differenzen gebe es zwischen ihnen mehr Verbindendes als Trennendes.
McCain wollte mit seiner Rede die noch unentschlossenen Wähler und gemäßigte Demokraten für sich gewinnen und betonte seine Tendenz zu überparteilicher, pragmatischer Sachpolitik.
Bush nur einmal direkt erwähnt
Den scheidenden Präsidenten Bush erwähnte McCain nur einmal direkt, nannte ihn dabei aber nicht mit Namen. Er würdigte die Führungsstärke des Präsidenten nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. An anderer Stelle kritisierte er Bush indirekt, indem er sagte, die Republikaner hätten das Vertrauen der Amerikaner verloren, «weil wir unsere Macht über unsere Prinzipien gestellt haben». «Das werden wir ändern», versprach McCain.
Im vielleicht eindringlichsten Teil seiner Rede erinnerte er an seine fünf Jahre in nordvietnamesischer Kriegsgefangenschaft. Er schilderte seinem ergriffen zuhörenden Publikum, wie er in dieser schwierigen Zeit beinahe gebrochen wurde, aber aus dieser Erfahrung und dem Zusammenhalt mit anderen amerikanischen Kriegsgefangenen Stärke zog: «Ich verliebte mich in mein Land, als ich Gefangener in einem anderen Land war.... Ich gehörte nicht mehr mir selbst, ich gehörte meinem Land.»
McCain bekräftigte in seiner Rede seine bekannten Positionen zur Wirtschafts-, Irak- und Energiepolitik. Er verurteilte die russische Invasion in Georgien und sagte dem «mutigen Volk von Georgien unsere Solidarität und Gebete» zu. «Als Präsident werde ich am Aufbau guter Beziehungen zu Russland arbeiten, so dass wir nicht die Rückkehr des Kalten Krieges zu befürchten brauchen. Aber wir können unsere Augen nicht vor Aggression und internationaler Gesetzlosigkeit schließen, die Frieden und Stabilität in der Welt und die Sicherheit des amerikanischen Volkes gefährden.»
McCain erhielt viel Beifall für seine 53 Minuten lange Rede. Zum Abschluss holte er seine Frau Cindy, seine Vizekandidatin Sarah Palin und deren Mann sowie andere Familienmitglieder auf die Bühne.
400 Festnahmen bei Protesten gegen Parteitag
Bei weiteren Protesten gegen den Parteitag in St. Paul im Staat Minnesota wurden etwa 400 Demonstranten festgenommen. Diese wollten in Richtung Tagungsort ziehen, obwohl laut Polizei ihre Aufenthaltserlaubnis abgelaufen war. Die Menge versuchte, über zwei Brücken zum Tagungsort im «Xcel Energy Center» vorzudringen. Die Polizei hatte den Weg mit einem starken Aufgebot sowie mit Schneeräumfahrzeugen versperrt. An den Protesten nahmen zeitweise bis zu 1.000 Personen teil. Unter den Festgenommenen waren auch zwei AP-Reporter.
