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04. September 2008
Chance oder Risiko für den Klimaschutz


Schwarze Pumpe - Es ist eine höchst umstrittene Anlage, die am Dienstag im brandenburgischen Schwarze Pumpe in Betrieb gehen soll. Der Energiekonzern Vattenfall als Bauherr preist die weltweit erste Pilotanlage für ein CO2-armes Kohlekraftwerk als Technik der Zukunft, die zur Eindämmung des Klimawandels beitragen könne. Umweltschützer dagegen halten die Entwicklungsrisiken für zu hoch und fürchten eine Verzögerung des Ausstiegs aus der klimaschädlichen Kohleverstromung.

Denn der Energiekonzern Vattenfall, der 70 Millionen Euro in den Bau der Pilotanlage investiert hat, setzt auch für die Zukunft auf Elektroenergie aus Kohle. Erst vor sieben Jahren hatte das schwedische Unternehmen die ostdeutschen Braunkohlentagebaue und -kraftwerke des VEAG-Konzerns übernommen. Darunter befindet sich mit dem Kraftwerk Jänschwalde nach Messungen des World Wide Fund for Nature (WWF) eine der größten Dreckschleudern Europas mit einem jährlichen Ausstoß von 25 Millionen Tonnen CO2.

Um Kohle künftig sauberer verbrennen zu können, will Vattenfall mit seiner in den vergangenen beiden Jahren errichteten Pilotanlage eine simpel klingende Idee testen. Im Herzstück des Minikraftwerkes, einer 230 Tonnen schweren Brennkammer, soll während der Verbrennung von Braunkohle das entstehende Kohlendioxid abgetrennt und in Tanks aufgefangen werden. Danach soll es verflüssigt und in geeigneten Endlagern unter der Erde versenkt werden. In die Atmosphäre gelange nur noch weniger als zehn Prozents des anfallenden CO2, hieß es.

Klimakiller soll unter die Erde

Die Erfahrungen aus dem Pilotbetrieb in Schwarze Pumpe mit 30 Megawatt Wärmeleistung will der Energiekonzern nutzen, um bis spätestens 2015 zwei Demonstrationskraftwerke in Deutschland und Dänemark zu errichten. In denen soll dann im Gegensatz zur Pilotanlage auch Strom erzeugt und die Technologie Unternehmensangaben zufolge bis 2020 zur Marktreife entwickelt werden.

Umweltschützer aber bezweifeln nicht nur den Zeitplan, sondern die gesamte Technik. «Ob das ökonomisch und ökologisch umsetzbar ist, ist noch völlig unklar», kritisiert Daniel Häfner von Robin Wood. So verbrauche das neue Verfahren etwa 20 bis 30 Prozent mehr Energie als die ohnehin wenig effiziente herkömmliche Braunkohleverstromung.

Auch der Wasserverbrauch von Kohlekraftwerken steige weiter an. «Und dass beim Braunkohleabbau die Landschaft zerstört und Menschen aus ihren Dörfern vertrieben werden, gerät völlig aus dem Blick», klagt der Umweltschützer. Ähnlich argumentiert die Umweltschutzorganisation Greenpeace.

Tatsächlich hat Vattenfall im vergangenen Jahr Planungen für drei neue Tagebaue in der Lausitz vorgelegt, die von der Brandenburger Landesregierung unterstützt werden. Dafür sollen vier Dörfer mit insgesamt 2.200 Einwohnern umgesiedelt werden. Nach einer ebenfalls vergangenes Jahr bekannt gewordenen Studie im Auftrag des Brandenburger Wirtschaftsministeriums könnten künftig sogar 33 Orte bis zu sieben neuen Tagebauen in der Region zum Opfer fallen.

Zweifel an technischer Machbarkeit

Und auch die Endlagerfrage für das aufgefangene CO2 ist bisher nicht gelöst. Seit mehr als einem Jahr läuft ein Forschungsprojekt des Deutschen Geoforschungszentrums Potsdam (GFZ) in Ketzin westlich von Potsdam. Dort haben die Wissenschaftler über mehr als 800 Meter tiefe Bohrungen eine alte DDR-Gaslagerstätte erkundet und leiten seit zwei Monaten zu Testzwecken verflüssigtes CO2 in die tief liegenden Sandsteinschichten. Sie wollen herausfinden, wie sich der Klimakiller unter Tage verhält und ob er tatsächlich dort bleibt.

Der GFZ-Vorstandsvorsitzende Reinhard Hüttl glaubt zwar, dass kein CO2 aus der Lagerstätte austreten wird. Auch er bezeichnet die unterirdische Lagerung nur als Übergangslösung. «Die Speicherung des Treibhausgases CO2 ist eine Option zum Zeitgewinn bei der Entwicklung und Einführung CO2-armer Energietechnologien», sagt er.

Nicht einmal die Bundesregierung ist sich in der Bewertung der neuen Technologie einig. Während Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Bemühungen Vattenfalls beim Baubeginn in Schwarze Pumpe im Mai 2006 als Beitrag für den weltweiten Klimaschutz lobte, ist ihr Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) skeptisch. Er wies vor kurzem darauf hin, dass in Deutschland maximal Speicherkapazitäten für eine Kraftwerksgeneration vorhanden seien.

«Außerdem ist die Technologie frühestens in 15 bis 20 Jahren marktreif», sagt Gabriel. Unsicher sei auch, ob die Bevölkerung eine massenhafte CO2-Speicherung unter ihren Wohnorten akzeptiere. Häfner von Robin Wood verweist zudem darauf, dass im Fall eines großtechnischen Einsatzes der Technik täglich Hunderte Güterwaggons voller CO2 durch die Republik zu einer Endlagerstätte fahren müssten.








 
 



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