Mit einer bejubelten Aufführung der «Götterdämmerung» ist am späten Samstagabend in Bayreuth die erste Aufführungsserie der 97. Richard-Wagner-Festspiele zu Ende gegangen. Musikalisch war unter dem Dirigat von Christian Thielemann und durchweg guten Sängerleistungen die abschließende «Ring»-Oper nochmals ein künstlerischer Höhepunkt der letzten Festspiele unter der Leitung des fast 89-jährigen Wolfgang Wagner. Von den Inszenierungen der sieben in diesem Jahr gezeigten Werken konnte aber nur der neue «Parsifal» in der Regie von Stefan Herheim vollständig überzeugen.
Geprägt war der Auftakt der Festspiele von einer neuen Offenheit in der Präsentation des weltweit beachteten Kulturereignisses: Erstmals wurde eine Aufführung im Festspielhaus, nämlich «Die Meistersinger von Nürnberg», auf einer Großbildwand des Volksfestplatzes der oberfränkischen Wagner-Stadt für etliche Tausende Zuschauer bei freiem Eintritt erlebbar. Erstmals konnte diese Aufführung auch online gegen eine Gebühr im Internet empfangen werden. Und die Besucher auf dem Grünen Hügel durften, bislang streng verpönt, vor und nach Aufführungsschluss in Wagners Gralsburg Fotos machen.
Ein besonders begehrtes Objekt dabei war Kanzlerin Angela Merkel, die in sechs der sieben Vorstellungen mit ihrem Mann anwesend war - nur die «Götterdämmerung» fand ohne Deutschlands hochrangigste Wagnerianerin statt. Verbrachte Merkel den Eröffnungsabend noch in der Ehrenloge neben dem bayerischen Ministerpräsidenten Günther Beckstein, wohnte sie den übrigen Aufführungen fast unauffällig mitten im Parkett bei. Die Pausen verbrachte sie allerdings schon aus Sicherheitsgründen in einem nur den prominentesten Besuchern vorbehaltenen Bereich. Doch weder dort noch anderswo war nach dem Kurzauftritt bei der Eröffnung Festspielleiter Wolfgang Wagner zu sehen.
Nach 57 Jahren in der Chefposition auf dem Grünen Hügel sind Kraft und Willen des vom Alter gebeugten Komponistenenkel offensichtlich erschöpft. Doch allgegenwärtig ist bereits seine 30-jährige Tochter Katharina aus zweiter Ehe. Die ehrgeizige Jungregisseurin, die als offizielle "Assistentin der Festspielleitung" faktisch letztere bereits innehat, nutzt diese Wochen, um sich eine starke Position bei der mit Spannung erwarteten Nachfolgeentscheidung am 1. September zu verschaffen. Bekanntlich soll Katharina Wagner zusammen mit der bereits 63-jährigen Eva Wagner-Pasquier, Tochter aus des gemeinsamen Vaters erster Ehe, die Leitung übernehmen.
Katharina Wagner verschafft sich starke Position
Doch Eva Wagner-Pasquier ist bislang in Bayreuth weder zu sehen noch zu hören und überlässt ihrer umtriebigen Halbschwester völlig das Feld. Unklarer denn je ist, wie sich die beiden Frauen die komplexe Herausforderung der Festspielleitung teilen können und was Eva Wagner-Pasquier überhaupt noch zu beeinflussen vermag. Denn die meisten wichtigen personellen und künstlerischen Entscheidungen sind bis Mitte des nächsten Jahrzehnts bereits getroffen. Offen ist nur noch, wer 2013 den neuen «Ring des Nibelungen» im Jahr von Richard Wagners 200. Geburtstag dirigieren und inszenieren soll.
Die derzeit in Bayreuth dargebotene «Ring»-Version des Dramatikers Tankred Dorst bleibt auch im dritten Aufführungsjahr szenisch unrund. Musikalisch allerdings feiern Dirigent Thielemann, das Festspielorchester, die Sänger und der großartige Chor Triumphe in der Inszenierung des vielstündigen Vierteilers. Und mit dem Amerikaner Stephen Gould haben die Festspiele wieder einen Siegfried, der allen Strapazen dieser mörderischen Rolle glänzend standhält. Goulds Landsfrau Linda Watson als Brünnhilde stand ihm in nichts nach.
Immer weniger Anklang beim Publikum findet Christoph Marthalers minimalistisch-düstere Interpretation von «Tristan und Isolde». Und die Schwächen von Katharina Wagners recht klamaukiger «Meistersinger»-Inszenierung sind im zweiten Jahr offensichtlicher geworden. Denn der acht Jahre ältere Norweger Herheim hat in seiner optisch überwältigenden und konzeptionell vielschichtig angelegten «Parsifal»-Darbietung gezeigt, wie das Werk Richard Wagners modern gesehen und gezeigt werden kann, ohne der musikalischen Wirkung zu schaden. Allerdings reizt Herheim alle Möglichkeiten der Bühne aus - steigerbar ist das kaum mehr. Die Bayreuther Festspiele laufen noch bis zum 28. August. Drei Tage später fällt die Nachfolge-Entscheidung.
