Im Kampf gegen die weltweite Hungerkrise hat der Generaldirektor des Washingtoner Instituts für Ernährungspolitik, Joachim von Braun, erheblich mehr Geld für Agrarforschung und für Hilfsprogramme gefordert. «Wir müssen uns in Deutschland unsere Sattheit teurer erkaufen», sagt von Braun, der seit 2002 das renommierte Forschungs- und Beratungsinstitut für Landwirtschaft, Ernährung und internationalen Agrarhandel leitet.
Die Explosion der Nahrungsmittelpreise ist einer der Schwerpunkte des G-8-Gipfels kommende Woche in Japan. Tatsächlich gibt es nach von Brauns Worten für die 6,7 Milliarden Menschen auf der Welt derzeit nicht genug Lebensmittel - vor allem nicht genug gesunde Lebensmittel, die eine ausreichende Versorgung auch mit Mikronährstoffen wie Vitamin A oder Eisen gewährleisten. «Im Moment kann die Produktion nicht mithalten. Die Nachfrage ist davongelaufen, und die Vorräte haben stark abgenommen.»
Zentrale Aufgabe vor allem auch der Industrienationen ist es nach seiner Ansicht, kurzfristige Hilfen bereitzustellen und langfristig mittels «wirklich großer Investitionen» in Agrarforschung und Infrastruktur zu garantieren, dass deutlich mehr Lebensmittel produziert und verteilt werden können.
Politische Unsicherheit
Dass Lebensmittelknappheit auch zu politischer Unsicherheit führt, hätten die jüngsten Proteste und Unruhen in 35 Ländern der Welt gezeigt. Die Ärmsten der Armen seien erstaunlich gut über die Lage in der Welt informiert und darüber, wie es den Menschen in den reichen Ländern geht. Wenn sie wegen der drastisch gestiegenen Nahrungsmittelpreise nicht mehr satt werden, «kommen Frustration und Aggression», prophezeit Braun.
Verantwortlich für den Mangel an Nahrungsmitteln ist paradoxerweise, dass es den Menschen in vielen Schwellenländern wirtschaftlich besser geht, wie der Wissenschaftler erläutert. Das meiste von dem Geld, das sie nun zusätzlich zur Verfügung haben, geben sie für Lebensmittel aus. Zugleich stellen sie ihre Ernährungsgewohnheiten um.
«Sie essen statt einer Schüssel Reis zwar nur noch eine halbe Schüssel», erklärt von Braun. «Aber dazu essen sie Fleisch. Rechnet man die Futtermittel für die Fleischerzeugung hinzu, essen sie sogar mehr Getreide.» In Indien etwa ist der Fleischkonsum in den letzten Jahren um 20 Prozent gestiegen. In China fangen die Menschen an, Milch zu trinken, wie der Wissenschaftler erläutert: «In China spricht man vom ,Olympia-Effekt". Es ist die Vorstellung, dass ein Kind, das Milch trinkt, groß wird. Es sind noch viel mehr Nachfragesteigerungen zu erwarten.»
Konkurrenz durch Biosprit kritisiert
Gleichzeitig werden Nahrungsmittel für die Herstellung von Biokraftstoffen verwendet. Die rasche Expansion des Biospritmarktes hat nach Angaben von Brauns allein in den vergangenen sechs Jahren einen Anteil von 30 Prozent an der Explosion der Nahrungsmittelpreise gehabt. So habe ein bisschen mehr Energiesicherheit für den Westen für die Ärmsten erheblich zu den drastischen Preissteigerungen beigetragen. Hier sieht Braun dringenden Korrekturbedarf.
«In Ländern wie Deutschland, in denen durchschnittlich nur zwölf Prozent des verfügbaren Einkommens für Lebensmittel ausgegeben werden, ist eine Explosion der Nahrungsmittelpreise verkraftbar», meint Braun. «In den armen Ländern der Welt bedeuten sie Hunger und ein kürzeres Leben für die Mehrheit der Bevölkerung.»
Derzeit leiden rund 500 Millionen Menschen Hunger. Zwei Milliarden Menschen und damit fast ein Drittel der Weltbevölkerung werden zwar satt. Sie nehmen aber zu wenig Mikronährstoffe wie Vitamin A oder Eisen zu sich, so dass sie nicht richtig lernen und produktiv sein können - mit weitreichenden ökonomischen Folgen.
Der Klimawandel ist für die landwirtschaftliche Produktion schon jetzt ein zentrales Thema. Steigende Temperaturen um nur ein oder zwei Grad wirken sich auf die Getreideproduktion zum Beispiel in China drastisch negativ aus. Die seit zehn Jahren andauernde Dürre in Australien ist auch ein Bote des Klimawandels, ebenso die Überschwemmungen in den USA, die wiederum tiefgreifende Auswirkungen auf die landwirtschaftliche Weltproduktion haben.
Vorschlag einer Weltgetreidebank
Für Braun steht aus all diesen Gründen fest: «Es muss wirklich schnell gehandelt werden. Und die zentrale Frage dabei ist: Wie lässt sich die Produktion erhöhen.» Nötig sind nach Einschätzung des Wissenschaftlers in großem Stil Investitionen in die Agrarforschung, die seit 20 Jahren kontinuierlich zurückgegangen seien.
Zudem sei ein sozialpolitisch ausgerichtetes Transferprogramm nötig. Lebensmittelhilfen sollten danach zum Beispiel an den Schulbesuch der Kinder gekoppelt werden.
Um schließlich der Spekulation mit Lebensmitteln vorzubeugen, schlägt Braun eine Art Weltgetreidereservebank vor, vergleichbar dem Weltwährungsfonds. Dies werde auch Thema auf dem G-8-Gipfel in Japan sein.
