Eigentlich hätte Nosie Katzmann allen Grund gehabt, sich aus dem Musikgeschäft zurückzuziehen und stattdessen ein bis drei Stunden am Tag im Café abzuhängen, Backgammon zu spielen und sich mit Leuten zu unterhalten. Denn der passionierte Kaffeehaus-Sitzer ist einer der erfolgreichsten deutschen Dance-Hit-Produzenten der 90er Jahre.
Mit Tracks wie «Mr. Vain» (Culture Beat), «More And More» (Captain Hollywood), «Right In The Night» (Jam&Spoon) und «Break It Up» (Scooter) lässt sich die Liste seiner Dancefloor-Kracher endlos fortsetzen. Katzmann schrieb über 40 internationale Hits, die sich millionenfach verkauften und ihm rund 40 goldene Schallplatten bescherten.
Jetzt, nach zehnjähriger Pause, kehrt Katzmann mit seinem ersten «Greatest Hits»-Album zurück, auf dem der klassische Singer/ Songwriter seine Hits in seiner ureigenen Version mit Akustik-Gitarre und Band eingespielt hat. Die beatlastigen «Mr. Vain» oder «More And More» sind kaum wiederzuerkennen. Katzmann verwandelt sie in country-folkige Balladen, intim und persönlich.
Burn-out und zehnjährige Auszeit
«Der Wunsch für "Greatest-Hits" kam vor einem Jahr. Ich hatte mal einen Burn-out. Mein Körper hatte einfach gestreikt», erzählt der Darmstädter im AP-Gespräch. «Das kommt daher, wenn du jahrelang nur vier Stunden schläfst. Und das letzte Jahr, bevor ich bemerkt habe, dass ich einen Burn-out habe, fühlte ich mich eigentlich wie unter einer Glocke. Ich habe einfach nur noch funktioniert. Ich habe mir gesagt, ich will nicht mehr.»
Katzmann zog sich aus dem Musikgeschäft zurück, nahm sich Zeit für spirituelle Sachen, Freunde, Familie und fand Ruhe in Cafés. «Als der Erfolg kam, war dafür kaum noch Zeit, aber das hat meine Seele gebraucht.» Seine oberste Botschaft sei, «lerne, wieder auf dein Bauchgefühl und deine Seele zu hören. Erst dann kommt dieses Gefälle von positivem und negativen Stress wieder ins Lot».
Zusammen mit Koproduzent Edo Zanki nahm er zwölf «Lieblings»-Hits im Studio auf, die auf seinem eigenen Label GIM Records erschienen sind. «Ich wollte mein eigenes kleines Label machen, weil die Musikindustrie so am Boden ist. Du brauchst eigentlich keine Plattenfirma mehr, schon gar nicht, wenn du so alt bist wie ich, nicht in das Monrose und DSDS-Schema passt und überwiegend Country-Instrumente benutzt», erklärte Katzmann. «Da kommt jede Plattenfirma und sagt, wir geben dir 3.000 Euro Budget, Feierabend.»
Songschreiber trifft Techno-DJ»
Katzmann ist seit Jahren eine lokale Musikgröße. In einem Café lernte er in den 80er Jahren den Darmstädter Techno-DJ und Produzent Torsten Fenslau kennen. «Ich war damals ein bisschen gelangweilt von Country und Folk, denn im Endeffekt ist es wie bei Dance und Elektro immer das Gleiche», erzählt er. «Ich war eigentlich richtig froh, dass da jemand kam, der eine völlig andere Musik machte und mich wieder antrieb. Denn wenn du beispielsweise Neil Young spielst, dann hörst du sofort die Akkorde. Doch bei denen war alles ein bisschen Wind, ein bisschen Geklackere und ein bisschen Türenzuschlagen und schon war ein neuer Song fertig», beschreibt Katzmann den Beginn seiner Produzenten-Ära.
«Es war für mich eine Herausforderung, mit ein bisschen Wind und Geklackere einen Song zu machen. Es hat mich an Zwölftonmusik erinnert, wo alles möglich war.» Es sei spannend gewesen, die musikalischen Grenzen zu sprengen. «Ich mit meinem Singer- und Songwriter-Knowhow zusammen mit Leuten, die von gar nichts eine Ahnung hatten und so eine positive Unschuld besaßen. Diese Naivität hat mir gefehlt.»
Die beiden völlig unterschiedlichen Musik-Welten trafen aufeinander und wurden erfolgreich. «Abfahrt» hieß das erste gemeinsame Projekt von Katzmann und Fenslau, das 1990 mit «Alone (It"s Me)» einen internationalen Club-Hit landete.
«Danach wollte ich eigentlich einen Song über meine Telefonnummer machen», erzählte Katzmann. «Aber ich kam zu spät und da hatte Torsten schon Klaus Kinski gesampelt.» Kinski war zu teuer, der Kabarettist Jo Van Nelson sprach die Kinski-Zitate neu ein und fertig war «Erdbeermund», die erste Nummer-Eins-Single des Dance-Projekts Culture Beat, das mit «Mr. Vain» seinen größten Erfolg feierte.
«Wenn du einen Hit hast, kommen sie alle», sagt Katzmann, der auch nach Fenslaus tragischem Unfalltod 1993 als Hit-Produzent (Yvonne Catterfeld, Sarah Connor und Right Said Fred) arbeitet.
Im Vorprogramm von Neil Young
«Ich war schon immer von Straßensängern fasziniert», erzählt Katzmann, der sich Gitarre spielen selbst beigebracht hat. «Ich habe mir gedacht, cool, die schmeißen da Geld rein, dass kannst du doch auch.» Daraufhin habe er sich eine Gitarre geliehen und es ausprobiert. «Ich war ganz beeindruckt, dass die ganzen Gedichte von mir, die ich vorher geschrieben habe und für die sich kein Mensch interessiert hat, so gut ankamen.» Früher habe er alle Songs nachgespielt - zur Hälfte Neil Young, zur anderen Hälfte Johnny Cash.
Am 23. August trat Katzmann mit seiner Band und seinem «Greatest-Hits»-Album im Vorprogramm von Neil Young vor rund 5.000 Zuschauern in Coburg auf. «Wenn du denkst, dass ich mich tierisch darüber gefreut habe, irrst du dich. Ich wollte früher immer Neil Young sein und dann habe ich das erste Neil Young Konzert gesehen und war völlig enttäuscht, weil er auch nur ein Musiker war, der einen schlechten Tag hatte. Damals war ich 15. Danach dachte ich, dass kriegst du auch hin. Zwei Wochen später habe ich Jackson Browne gesehen und wollte aufhören Musik zu machen, weil die Band damals so toll war. Zwei Wochen später habe ich Tom Petty gesehen, der hat mir den Glauben an die Musik zurückgegeben, weil die Band so schlecht war. Danach habe ich gedacht, dass können wir besser.» Von Neil Young sei er förmlich enttäuscht gewesen. Im Herbst will Katzmann mit Band auf Headliner-Tour gehen.
Das «Greatest Hits»-Album sei seine eigene Verarbeitung der Vergangenheit. «Ich schau mir das an und denke, "huch, das hast ja du geschrieben". "Right In The Night" war ursprünglich eine punkige Version», so Katzmann. Neben der Revival-Reihe habe er auch eine «Songbook»-Reihe. «In dieser Reihe will ich alles sammeln, was ich jemals aufgenommen habe. Auf "Songbook 1" sind Lieder, die ich mit 15 geschrieben habe. Jetzt kommt "Songbook 2" mit Liedern, die ich mit 16 geschrieben habe.»
