Die Wäscherinnen in der Innerschweiz haben kein leichtes Leben im 18. Jahrhundert. Im Wasser kniend über Bottiche gebeugt, reiben und schlagen sie die Wäsche der feinen Herrschaft sauber. Aussicht auf ein besseres Leben besteht für die Frauen nicht. Die 18-jährige Anna Maria Inderbitzin aus Schwyz ist eine von ihnen. Sie will sich damit aber nicht zufrieden geben. Geradezu tollkühn versucht sie ihr Glück: Der Sprache nicht mächtig, in Lumpen gehüllt begehrt sie unter falschen Angaben Einlass bei einer französischen Adelsfamilie. Ihr Ausflug in ein anderes Leben ist von kurzer Dauer.
Die Bitzenin, wie Anna Maria genannt wird, ist schon in jungen Jahren kein unbeschriebenes Blatt. Von ihrem Vormund und Meister verklagt, wird sie wegen Diebstahls zu Peitschenhieben verurteilt. Sie darf Schwyz nicht mehr verlassen und muss fleißig die Kirche besuchen. Dabei beobachtet sie scharf die Tochter des Richters Reding: Das Gebaren der jungen Frau, wie sie geht, wie sie steht, wie sie sich bewegt, wie sie die Röcke rafft.
Anna Maria weiß: Wenn sie ein besseres Leben will, muss sie das Dorf verlassen. Mitten im Winter bricht sie auf Richtung Süden, über den Gotthard. Im Süden trifft sie einen jungen Mann. Er berichtet von fremden Erdteilen, die er bereist hat, von Asien, vom Kaiser von China. Der Rothgärber Magnus Weber ist genau wie Anna Maria gezwungen, sein Auskommen auf der Wanderschaft zu suchen, weil er in seiner deutschen Heimat keine Zukunft hat. Anna Maria erzählt ihm von ihrer Heimat, von Richter Reding und seiner Tochter, worauf Magnus sich aufmacht, um dort sein Glück zu suchen.
Anna Maria will nun nach Frankreich, nach Versailles, um den Garten aller Gärten sehen, von dem ihr Magnus erzählt hat. Bei einem Landadligen in der Dordogne begehrt sie als angebliche Tochter des Richters Reding aus Schwyz Einlass. Ihre Manieren, ihr Auftreten und ein gestohlenes Medaillon überzeugen ihre Gastgeber. Nun führt Anna Maria endlich das Leben, von dem sie geträumt hat: Sie hat schöne Kleider, genug zu essen, sie ist der Mittelpunkt der ganzen Gesellschaft in der Region. Sie lernt schnell, ihren Ausflug in dieses andere Leben zu genießen.
Aber er ist von kurzer Dauer, Versailles wird ihr zum Verhängnis. Kurz vor dem Ziel wird sie entlarvt, im Käfigwagen nach Schwyz verfrachtet und wegen ihres wüsten Lebens zum Tod verurteilt. Ein altes Gesetz, wonach Verurteilte nicht hingerichtet werden, wenn jemand sie heiraten will, rettet ihr das Leben. Magnus Weber, dessen Herkunft inzwischen auch aufgedeckt worden ist, findet endlich seine Anna Maria.
Margrit Schriber hat die Akten des Prozesses gegen Anna Maria Inderbitzin in Archiven aufgestöbert, studiert und zu einem spannenden historischen Roman verarbeitet. Einmal mehr gelingt es der Autorin, dem Leser auf unterhaltsame Weise ein Stück Geschichte näher zu bringen. Eine Geschichte notabene, die sich nicht in gängigen Geschichtsbüchern findet. (Sonja Kolb)
