Hitler stirbt beim Attentat am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller, Joseph Goebbels und Hermann Göring streiten um die Nachfolge des Führers, der Kaiser kehrt aus dem niederländischen Exil zurück, und Eva Braun wird als designierte Führerwitwe zu einer einflussreichen Figur im Ränkespiel der politischen Mächte. Wolfgang Brenner entwirft in seinem Roman ein Szenario, das einen überraschend anderen Blick auf die deutsche Geschichte erlaubt.
«Führerlos» - so der Titel - soll Deutschland nicht werden, also kämpfen jene um die Macht, die zuvor als Hitlers Befehlsempfänger wirkten. Das Schicksal Deutschlands wird zu einem grotesken Machtpoker zwischen dem Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe und dem Reichspropagandaleiter der NSDAP.
Beide versuchen auf ihre ganz eigene Art, den obersten Posten zu erringen: Göring erweist sich vorübergehend als pragmatisch handelnder Reichskanzler, der anders als die reale Figur dem pompös-emotionalen Firlefanz abschwört, sich mit den Westmächten zu arrangieren versucht und sich von einem Beraterteam aus Politologen und Konsumforschern sagen lässt, wie man die deutsche Wirtschaft ankurbeln kann. Goebbels dagegen sieht seine Zeit gekommen, als er erkennt, welches Potenzial die bis dahin eher stiefmütterlich behandelte Geliebte Hitlers besitzt.
Um sich der hartnäckigen Annäherungsversuche Goebbels" effektiv zu erwehren, täuscht die vom Tod ihres «Wolfs» schockierte Eva Braun eine Schwangerschaft vor, die Goebbels für seine Zwecke zu nutzen weiß. Er setzt seine Propagandamaschinerie in Bewegung, um als Beschützer und Versorger der Führerwitwe und deren ungeborenen Kindes die Gunst des Volkes, und damit die Macht, an sich zu reißen.
Der 1954 geborene Publizist und Autor, der für seine Kriminalromane einige Auszeichnungen erhielt, wagt mit diesem Roman ein politisch-literarisches Experiment nach dem «was-wäre-gewesen-wenn»-Muster. Interessant ist das zu lesen und durchdacht konstruiert, lenkt es doch von der oftmals zu stark in den Mittelpunkt historischer Betrachtungen gestellten Figur Hitlers ab und macht deutlich, dass das Dritte Reich nicht das Werk eines Einzelnen ist, sondern auf dem Boden der politischen Überzeugungen und dem Machthunger vieler entstand.
Damit greift Brenner eine Frage auf, die oft gestellt wurde, in dieser Form jedoch selten auftauchte: Hätte sich das Blatt für Deutschland wenden können, wenn Hitler beseitigt worden wäre?
