Der frühere polnische Präsident Lech Walesa hat sich im Prozess gegen seinen einstigen Widersacher Wojciech Jaruzelski ausgesprochen milde geäußert. Nicht einzelne Personen, sondern das damalige kommunistische System seien verantwortlich für die tödlichen Schüsse auf Werftarbeiter in Danzig (Gdansk) und anderen Städten im Jahre 1970, sagte der als Zeuge geladene Walesa am Mittwoch. Damals kamen mindestens 44 Menschen ums Leben. Jaruzelski ist angeklagt, damals als Verteidigungsminister den Schießbefehl erteilt zu haben.
«Wir urteilen hier über das Schwert, aber nicht über die Hand oder den Kopf», sagte Walesa vor dem Bezirksgericht in Warschau. «Wir müssen jedoch klarstellen, dass wir damals in einem System der Abhängigkeit gelebt haben, dass die Entscheidungen nicht hier getroffen wurden», fügte er hinzu, ohne seine Aussage näher zu erläutern. Offensichtlich zielte er jedoch auf die ehemalige Sowjetunion ab. Der 85-jährige Jaruzelski und fünf Mitangeklagte könnten im Falle eines Schuldspruchs zu lebenslanger Haft verurteilt werden.
Jaruzelski wurde 1981 Erster Sekretär der kommunistischen Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei sowie Ministerpräsident. Im Dezember desselben Jahres verhängte er das Kriegsrecht, um gegen die von Walesa gegründete Gewerkschaftsbewegung Solidarität (Solidarnosc) vorgehen zu können. Tausende Regimegegner wurden inhaftiert, darunter auch Walesa. Fast hundert Menschen wurden bei den Unruhen getötet. Von 1985 bis 1989 war Jaruzelski Staatsratsvorsitzender und nach der Wende für ein Jahr Staatspräsident, bevor er 1990 von Walesa abgelöst wurde.
