Eine 22-jährige iranische Studentin läuft mit einem schneeweißen Pflaster auf der Nase über den Platz des Imams in Isfahan. Ihre Nase ist frisch operiert, stolz zeigt sie ihr neues Statussymbol. Viele junge Frauen im Iran bringen damit seit einigen Jahren ihre politische Gesinnung klar zum Ausdruck.
«Das können die Mullahs nicht verbieten», sagt die Studentin lächelnd. Ihr Kopftuch sitzt auf dem Hinterkopf, so dass ihre dunkelbraunen Haare gut zu sehen sind. Ständig muss sie es zurechtzupfen, damit es nicht runterfällt - dann käme die Sittenpolizei.
Der mehr als einen halben Kilometer lange Platz des Imams wurde vor über 400 Jahren von Schah Abbas I. als Prunkstück der damaligen Reichshauptstadt Isfahan angelegt. Heute ist der Platz nicht nur das historische Zentrum, sondern vor allem eine beliebte Flaniermeile. Im Osten und im Süden wird der Platz von zwei mächtigen Moscheen mit exquisiten Mosaiken eingerahmt, die Moschee des Imams gilt dabei als eine der schönsten im ganzen Orient. Im Westen thront ein fürstlicher Palast mit hohen Säulen und eleganter Holzvertäfelung, im Norden das blau gekachelte Eingangstor zu den labyrinthartigen überdachten Gässchen des Basars.
Berge von Datteln schimmern dort im orangen Licht der Basarstände, Gewürze sind zu Pyramiden aufgetürmt, frisch geerntete Melonen betören die Flaneure mit ihrem Duft. Die Verkäufer beteuern, dass es nichts gebe, was man dort nicht kaufen könnte. Westliche Touristen werden mit freundlicher Neugier zur Kenntnis genommen, zu Tee und Süßigkeiten eingeladen, aber nie zum Kauf gedrängt.
«Religion und Politik sollten getrennt sein»
«Ich mag die Mullahs nicht», sagt ein 44-jähriger Teppichhändler. Sie seien schlecht fürs Geschäft. Bei einigen Gläsern frischem Tee aus dem Samowar erklärt er den Besuchern, dass er sehr gläubig sei, die Mullahs aber beschädigten das Ansehen des Islams. «Religion und Politik sollten getrennt sein.» Die Moscheen sind in den letzten Jahren leerer geworden, besonders die Jugendlichen bleiben oft lieber zu Hause.
Abends zieht es die Isfahanis zusammen mit Familie und Freunden an die Ufer des behäbig durch die Stadt fließenden Sajandeh. Die Picknickplätze füllen sich rasant, auf den mitgebrachten Gaskochern brodelt überall frischer Tee, der süßliche Duft von Wasserpfeifen wabert über die Uferböschung. Nach Sonnenuntergang wird die 298 Meter lange Si-o-Seh-Brücke aus dem 16.Jahrhundert angestrahlt, mit ihren 33 Bögen scheint sie goldgelb über dem Wasser zu schweben.
In den Brückenbögen wartet ein geschäftiges Teehaus: Zeit, für umgerechnet 55 Cent eine große Kanne Tee und Honigleckereien zu erstehen, am Wasser zu sitzen und sich in Gespräche verwickeln zu lassen. Die Iraner sind gastfreundschaftlich und kontaktfreudig: Ein bisschen Englisch reicht aus für Gespräche, schnell wird der fremde Urlauber zum Besuch bei der Familie eingeladen.
«Hast Du eine Freundin?» fragt ein 24-Jähriger, schließlich weiß er, dass die Sitten nicht überall so streng sind. Er selbst hatte eine Freundin, wie er verlegen erzählt. Ihr Glück wurde jäh beendet, als ihre Familie beschloss, dass die 18-Jährige einen anderen heiraten sollte. «Und ausgerechnet meinen Cousin», berichtet er.
Sittengesetze erlauben nur platonische Liebe
Ihre Liebe war platonisch, mehr erlauben die strengen Sittengesetze nicht. Viele Iraner, vor allem Jugendliche, versuchen jedoch die Grenzen des Erlaubten auszureizen: Frauen tragen das Kopftuch immer bunter und immer knapper, Fingernägel rot lackiert, raffiniertes Make-up schmückt die jungen Iranerinnen - und eben auch operierte Nasen.
Auch westliche Urlauberinnen müssen sich an die Kleidervorschriften halten: Frauen müssen nicht nur ein Kopftuch, sondern auch einen Umhang tragen, der fast bis zu den Knien gehen soll. Religiöse und ältere Frauen tragen meist Tschador, die Jüngeren wählen einen «Manteau». Diese Mäntel gibt es allerdings in so enganliegenden und kurzen Varianten, dass sie an ein kurzes schwarzes Kleid erinnern.
Hinter den prächtigen Moscheen auf dem Platz des Imam thronen die bis zu 4.000 Meter hohen Gipfel des Zagros-Gebirges. Die karge Berglandschaft ist seit Jahrhunderten von Nomaden besiedelt, die dort noch immer in ihren Jurten leben und ihre Schafe und Ziegen zum Weiden bringen. «Bis zur Revolution war unsere Familie reich», erklärt der Nachfahre eines einflussreichen Nomadenstamms. Die Mullahs hätten seinen Großvater 1979 getötet. «Ich habe auch gegen sie gekämpft, aber sie haben mich nicht erwischt», sagt er.
Doch wie die meisten Iraner hat er sich mit den Mullahs arrangiert, ihr Einfluss endet jedoch an der Haustüre. Auf dem Fernseher flimmert türkisches Fernsehen oder gleich CNN und BBC. Die Polizei sehe darüber hinweg, sagt er. Ab und zu müsse er sie bestechen. «Das ist es mir wert.»
