Ihr Standort: Home -> News
  


01. Dezember 2008
Große Liebe zur Königin der Instrumente


Gersdorf - Die letzten Handgriffe haben es in sich. Matthias Müller kniet vor der alten Orgel in der kleinen Gersdorfer Dorfkirche und bastelt die Mechanik zusammen, die die Tasten mit den Pfeifen verbindet. Er probiert, findet den Ton noch etwas schräg, der da erklingt, aber er ist zufrieden. Die Orgel gibt keine Heuler mehr von sich. «Das sind Töne, die zu hören sind, obwohl niemand spielt. Sie entstehen, wenn sich der Holzwurm an den Pfeifen zu schaffen gemacht hat», erklärt Müller in norddeutschem Dialekt, während er schraubt.

Auf dieser Orgel kann wieder gespielt werden, auch wenn dort, wo die Metallpfeifen hingehören, noch ein großes Loch klafft. Der Kirchengemeinde fehlt das Geld, um auch sie reparieren zu lassen. Die Holzpfeifen sind ausgebessert und erneuert. Der pensionierte Orgelbauer Wolfgang Hartig aus Wilhelmshaven hat das mit viel Akribie getan, und Orgelbauer Reinhard Hüfken aus Halberstadt hat Hand angelegt, wo Matthias Müller nicht weiterkam. Matthias Müller, der aus Sanderbusch in Friesland stammt, ist kein Orgelbauer, sondern Organist und hat eine Halbtagsstelle als Kantor in der Magdeburger Börde. Regionalkantor, darauf legt er Wert.

Müller spielt lieber in den Dörfern. Einem ehemaligen Nachbarn in Friesland verdankt er, dass es ihn nach Sachsen-Anhalt verschlagen hat. Dieser Nachbar ist Nachfahre der Orgelbauerfamilie Rühlmann, die aus Zörbig in Sachsen-Anhalt stammt. Müller begab sich sofort auf die Suche nach Rühlmannorgeln - und fand sie unter anderem in Erxleben in der Börde. Matthias Müller, der immer auf der Suche nach Kontakten ist, quartierte sich beim Pfarrer ein. «Er heißt auch Müller, und wir haben uns sofort verstanden.»

Kirchengemeinden müssen nur Materialkosten tragen

Pfarrer Müller zeigte Kantor Müller eine andere Orgel im Nachbarort Eimersleben. «Er hat mich gefragt, ob ich die nicht reparieren könne. Also habe ich einen Monat lang in der kalten Kirche herumgepuzzelt, und jetzt spielt sie wieder.» Sein Lohn: Kost und Logis. Sozialen Orgelbau nennt er das scherzhaft, weil die Kirchengemeinden nur die Materialkosten tragen müssen.

Es gibt viele defekte Orgeln in Sachsen-Anhalt, weil den Kirchengemeinden das Geld für die Reparatur fehlt. Einige hat Müller schon wieder zum Spielen gebracht. Auch die in Klein Ammensleben, das schönste Werk hier, wie Matthias Müller findet. «Es ist doch ein Jammer, wie das alles vor sich hin gammelt», bedauert Müller.

Er stöbert aber nicht nur durch sachsen-anhaltische Kirchen, sondern ist auch in Holland, Spanien oder Tschechien unterwegs, hat mittlerweile mehr als 500 Orgeln gespielt und sammelt Musikstücke, um sie nachzuspielen. Müllers Begeisterung wirkt ansteckend. Noch von Friesland aus organisierte er Orgelreisen nach Sachsen-Anhalt, um Interessenten alte Rühlmannorgeln zu zeigen.

«Die Menschen lieben doch ihre Kirchen»

Inzwischen hat er drei Rühlmann-Orgelfestivals auf die Beine gestellt und lädt regelmäßig zu Orgelwanderungen durch die Börde ein. Da folgen ihm Scharen von Menschen in die kleinen Dorfkirchen. Mehrere Kirchen stehen bei jeder Wanderung auf dem Programm. Dort erzählen Pfarrer oder Heimatkundler aus der Geschichte der Kirche, Müller spielt auf der Orgel.

Müller freut sich, den Menschen die Gotteshäuser wieder näherbringen zu können. «Auch wenn hier so wenige konfessionell gebunden sind», sagt er, «die Menschen lieben doch ihre Kirchen. Und sie kommen gern hierher. Man muss ihnen nur etwas bieten.»

Müller bringt Schwung in das Gemeindeleben seines Kirchenkreises. Pausenlos ist er unterwegs, um bei Gottesdiensten, Beerdigungen oder Trauungen für musikalische Umrahmung zu sorgen. «Ein Gottesdienst, bei dem die Musik von der CD eingespielt wird, ist doch schrecklich», findet er. Und schwärmerisch fügt er hinzu: «Die Menschen hier sind so dankbar.» Aber längst nicht alle Wünsche kann Müller erfüllen. Es gibt nur zwei Kantoren im Bördekreis - für 90 Kirchen.

«Alles ist besonders an diesem Instrument»

Müllers Halbtagsstelle ist auf zwei Jahre befristet. Die sind bald um, doch er hofft, dass sie verlängert wird. Matthias Müller steht auf, tritt einen Schritt zurück, betrachtet die Orgel. «Sie können sich nicht vorstellen, wie das hier vor zwei Jahren aussah», erinnert er sich. «Alles schwarz und dreckig und kaputt. 50 Jahre hat hier niemand gespielt.»

Dabei sei diese Orgel hier in Gersdorf ein ganz besonderes Instrument. Vor 1730 gebaut, ein Stück, wie man es sonst nur noch im Museum findet. «Sehen Sie nur, die alten Registerschilder, die Form, alles ist besonders an diesem Instrument.» Und pünktlich zur Adventszeit kann dieses besondere Instrument nun wieder gespielt werden.








 
 



* kostenlos, 2x täglich
 

Google

Vom hohen Rosenthal Ross gefallen

Keine festen Alkoholgrenzen?

Klimaerwärmung?

Wieso immer zahlen?

Das können Verbraucher viel schneller

miley

Fotos

Staatsbuettel 007

Waffenlager auf Mallorca

Bisher keine Vergangenheitsbewältigung


- Anzeige -

 


- Anzeige -

 

Copyright by net-tribune | Impressum | Optimiert für 1024 x 768 pxl Top