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01. Mai 2008

Klingende Briefe in die Heimat



Köln - Man sollte erst gar nicht versuchen, einen Fußball an das andere Ende dieser Halle zu schießen, so groß ist sie. Die riesigen Regale werden von Rädern bewegt. Und was sich in diesen Regalen befindet, entlockt Mark Ainley immer noch ein Staunen. Seit anderthalb Jahren geht Ainley im EMI-Archiv in Middlesex ein und aus, auf der Suche nach den vergessenen Musikschätzen des frühen 20. Jahrhunderts.

Denn neben den Beatles, den Beach Boys, Pink Floyd und Blur findet der Besucher im Archiv der einst stolzen Musikmacht EMI 150.000 schnelldrehende Schallplatten aus der Schellack-Ära. Musik, die sogar am britischen Publikum vorbei rauschte, weil sie für Märkte in Afrika und im Vorderen Orient bestimmt war.

«Das ist ein sehr eigenartiger Ort» erzählt Ainley. «Niemand führt dich durch diese immensen Archive. Du musst dir schon deine Hände schmutzig machen, wenn du nach den alten 78ern suchst, die Papierhüllen lösen sich in Staub auf, wenn du sie in die Hände nimmst.»


Liebhaber-Label für Pop jenseits des Mainstreams

Ainley ist weder Archivar noch Pop-Wissenschaftler, er macht das mit Hingabe. Mit Partner Alan Scholefield und Rockstar Damon Albarn (Blur, Gorillaz, Mali Music, The Good, The Bad & The Queen) betreibt der Brite seit sechs Jahren das Londoner Honest Jons Label. Mit wachsendem Erfolg - aus dem kleinen Record Shop am Ende der Portobello Road ist eines der führenden Liebhaber-Labels für Afrobeat, Calypso (»London Is The Place For Me»), Reggae, Soul und Pop jenseits des Mainstreams geworden. «Es mag schon sein, dass der Name Damon Albarn einen Einfluss auf den Erfolg unseres Labels hat, aber der Laden und das Label beeinflussen auch Damon.»

Albarn forscht seit dem «Mali Music»-Album in den Musikszenen Afrikas. Ainley, der auch für das befreundete Soul-Jazz-Label die «Studio One»-Reggae-Compilations zusammenstellt, unterfüttert die aktuellen Entdeckungen mit den weithin verlorenen «Erzählungen» der Roots-Musik. Was vor knapp 100 Jahren kein «Pop»-Thema war, kocht nun via Damon Albarn und Hip-Label Honest Jons auf heißer Flamme.


«Einstieg in die Geschichte der Black Music»


Ainley möchte in lockerer Reihenfolge dem nach Authentizität gierenden Indie-Publikum neue Musik-Welten öffnen: mit den Liedern der Migranten und Niedriglohnarbeiter im Großbritannien Anfang des vorigen Jahrhunderts, dem rauen Blues der afrikanischen Einwanderer, der auf dem gerade veröffentlichten Sampler «Living Is Hard» (»West African Music In Britain 1927-1929») zu hören ist.

Viele dieser Lieder sind klingende Briefe in die Heimat, voller Wehmut, nackter Verzweiflung manchmal. Lieder zu diesem schweren Leben wie George Williams Aingos «Akuko Nu Bonto», das dem Album seinen Titel gab: «Living is hard, ayee/old man Bonto Ive brought money home». Ein «Einstieg in die Geschichte der Black Music Großbritanniens», meint Ainley.

Die Tage im EMI-Archiv seien schon Fleißarbeit, findet der Honest-Jons-Compiler. «Doch der Aufwand lohnt sich. Was ich hier zu hören bekomme, hat mein Verständnis von Popmusik verändert. Seitdem ich diese Orchestermusik aus Albanien kenne, höre ich auch Velvet Underground und John Cale ganz anders. Man muss sich das vergegenwärtigen: Das ist Musik aus einer Zeit, als der Komponist Edward Elgar noch lebte.» Die Musik ist größer als deine Vorstellung ­ so lautet Ainleys Botschaft. Seine nächste Zusammenstellung aus der EMI-Archiv-Reihe lockt mit Musik aus dem Irak, die darauf folgenden Themensampler hat Ainley schon im Kopf: «Ghanaians In London 1929», Musik aus dem Kaukasus, aus Griechenland und Osteuropa. Er wird die Räder in den Regalen bewegen, solange die EMI ihn lässt.






 

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